„Still Waters“: Der Bassist Niklas Lukassen über die Suche nach der eigenen musikalischen DNA

Vom ersten Ton auf dem Klavier bis zum eigenen Signature-Sound zwischen Kontrabass, E-Bass und Basscello: Niklas Lukassen gehört zu einer jungen Generation von Bassisten, die Tradition und Forschergeist ganz selbstverständlich miteinander verbinden. Früh zog es ihn nach Berlin, später nach New York und London – Stationen, die nicht nur seinen Lebenslauf, sondern vor allem seine musikalische DNA prägten. Als Student von Ron Carter an der “Manhattan School of Music” lernte er, was es heißt, Bassist zu sein. Heute arbeitet Lukassen an der “Royal Academy of Music” an einem PhD über „Bassdoubling“, entwickelt mit dem Basscello ein neuartiges Hybridinstrument weiter und veröffentlichte just mit „Still Waters“ sein Debütalbum als Bandleader. Im bonedo-Interview spricht er über Szene-Mythen, Social Skills, Übe-Philosophien, Tour-Erfahrungen – und darüber, warum Rhythmus die Sprache des Selbstbewusstseins ist.

Niklas Lukassen
Niklas Lukassen ist Bassist mit Leib und Seele (Bild: Anna Yatskevich)

Hallo, Niklas! Ich mache es kurz: Wie verliefen deine musikalischen Anfänge?

Ich kann nicht behaupten, dass es in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, besonders viel Livemusik gab. In meiner Familie macht eigentlich niemand Musik, allerdings haben mich meine Eltern immer machen lassen, Impulse gegeben und meine Ideen unterstützt. Ich habe schon immer gerne gesungen, erst einfach so und später ein bisschen ambitionierter, etwa beim Bundesjazzorchester. Das Klavier war das erste Instrument, auf dem ich Unterricht erhielt – das spiele ich immer noch und setze es als Kompositionswerkzeug ein. Der Bass fand mich später, mit etwa 14 Jahren. Der Gitarrist meiner Rockband, in der ich damals Keyboard spielte, brachte eines Tages einen Harley Benton E-Bass mit zur Probe. Mich haben dieses Spielgefühl und der Sound direkt umgehauen, als ich darauf neugierig ein paar Töne spielte! Das Keyboard wurde daher kurzerhand in der Band durch den „essenzielleren“ E-Bass ersetzt. Als dann unter dem Weihnachtsbaum mein erster eigener E-Bass lag, wusste ich mit Bestimmtheit, dass ich Bassist werden wollte.

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Weit gereist: Niklas Lukassen hat schon viel von der Welt gesehen! (Bild: Dovile Sermokas)

Und wie trat der Kontrabass in dein Leben?

Der Kontrabass trat im Alter von 16 Jahren in mein Leben, ich brauchte allerdings ein paar Anläufe: Über zwei Jahre habe ich mehrfach angefangen und wieder aufgehört – der E-Bass war einfach meine musikalische Stimme zu der Zeit. Ich habe aber damals schon gerne und viel improvisiert und hatte irgendwie den Eindruck, dass ich, um als Jazzmusiker in bestimmten Kreisen angenommen zu werden, einfach Kontrabass spielen musste. Sprüche wie „Play the real bass!“ addierten sich mit meiner eigenen Faszination für das große Instrument. Den Ausschlag gaben meine wachsende Hörerfahrung und die Möglichkeiten, mit dem Kontrabass bestimmten Ensembles beitreten zu können.

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Niklas Lukassen: “Die Musik ernst nehmen, aber sich selbst nicht zu sehr.“

Du hast dann schon mit 16 Jahren eine Aufnahmeprüfung am Jazzinstitut in Berlin bestanden, bist schon früh Zuhause ausgezogen und hast rasch in der Hauptstadtszene Fuß gefasst. Allein das zeigt deine Entschlossenheit sehr deutlich. Wie konntest du dich als aufstrebender Bassist in der Berliner Szene durchsetzen, die ja als ziemlich hart und umkämpft gilt?

Von Dave Holland habe ich vor ein paar Monaten diesen schönen Grundsatz gehört: “Die Musik ernst nehmen, aber sich selbst nicht zu sehr.“ Um sich in eine Szene zu integrieren, ist Offenheit gegenüber Neuem und aufrichtiges Interesse an anderen Musikerinnen und Musikern extrem wichtig. Anfangs habe ich wirklich zu fast allem ja gesagt, was mir jobmäßig angeboten wurde. Dabei habe ich mich auch des Öfteren verlaufen und festgestellt, das sich manches nicht so ganz nach mir anfühlt. Allerdings war auch das gut, denn durch diese Vielseitigkeit habe ich eine generelle Wertschätzung und Empathie gegenüber unterschiedlichen Stilen und Spielweisen verinnerlicht. Bassspielen ist auch immer ein enormer Social Skill: Bassleute sind prädestiniert dafür, mit vielen Leuten in Berührung zu kommen. Dabei ist es wichtig zu erkennen, wer besonders gut zu einem passt.

Um musikalische Tiefe zu entwickeln, muss man wie in jeder Beziehung ineinander investieren, sich gegenseitig zuhören, sich Zeit füreinander nehmen und sich aufeinander einlassen. „Krass“ zu spielen ist das eine, aber sich in eine Szene zu integrieren, ist Teamwork. Also auch mal auf die Konzerte der Anderen gehen, sich mal außerhalb der Musik verabreden, oder einfach mal ohne Druck Zeug ausprobieren und jammen. Jungen Bassleuten würde ich aus eigener Erfahrung ans Herz legen, sich grundsätzlich, und besonders in Zusammenarbeit mit erfahreneren Musikern, extrem akribisch vorzubereiten. Der Bassposten bringt eine Menge Verantwortung mit sich, und gerade, wenn man als Neuling noch nicht viel Routine hat, hilft sorgfältige Vorbereitung, das nötige Selbstvertrauen aufzubauen und Entspannung zu verbreiten. So kommt man auch mit weniger Erfahrung trotzdem in den Pro-Modus und verschafft sich Respekt. Außerdem: Die meisten Szenen besitzen ja eine gewachsene Historie und prägende Spieler. Sich intensiv mit ihrem Sound und der Geschichte der jeweiligen Szene auseinanderzusetzen, hilft sehr, an einem Ort anzukommen und sich mit ihm verbunden zu fühlen.

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“Der Bassposten bringt eine Menge Verantwortung mit sich”, sagt Niklas Lukassen. (Bild: Anna Yatskevich)

Niklas Lukassen: “Berlin ist für mich ‘deep but narrow’, ein Ort mit besonderer Freiheit.”

Nach Berlin folgten für dich die Metropolen New York und London. Kannst du das Leben und die Musikszenen in diesen drei Großstädten miteinander vergleichen?

Mittlerweile erkenne ich, dass eigentlich immer ganz viel Kopfkino dabei ist, und Eigenwahrnehmungen auf Orte extrem subjektiv sind. Kürzlich habe ich mich zum Beispiel mit einem Freund aus New Orleans über unsere Eindrücke von London unterhalten, und im Grunde haben wir uns über denselben Ort total gegenteilig geäußert! Das macht Sinn, denn man beschreibt die Dinge ja niemals neutral, sondern stellt unweigerlich Vergleiche an. Da haben seine Erfahrungen am Mississippi und meine an der Spree unser Gefühl für andere Orte sehr geprägt. Hier meine derzeitige – Perspektiven ändern sich schließlich – subjektive Kurzbeschreibung. Berlin ist für mich „deep but narrow“, ein Ort mit besonderer Freiheit. Viele Künstlerinnen und Künstler machen hier ihr eigenes Ding. Die Jazzszene ist voll von Individualisten, und es gibt sogar noch eine echte Bandkultur.

Das Straßenbild und die Musik haben viele Farben. Ich persönlich habe allerdings den Eindruck, dass es trotz der Vielfalt häufig dann doch nicht so richtig bunt wird, da sich die Szenen oft nicht genug vermischen. Dafür ist aber schön zu sehen, wie viele Leute sich hier selbst verwirklichen. New York: „Gotta love it – the hustle too“! Die Jahre dort waren absolut prägend für mich. Exzellenz ist so normalisiert, dass eigentlich für Egotrips kein Platz ist. Es ist ziemlich schockierend zu sehen, was derzeit politisch in den USA abgeht. Wenn ich aber von meiner persönlichen Erfahrung in Sachen Musik und Leuten spreche, kann ich nur sagen, dass NYC immer noch ein Ort der unbegrenzten Möglichkeiten ist. Vieles am Jazz hat für mich dort erst richtig Sinn gemacht. Ich meine nicht per se das Improvisieren, sondern die Idiomatik – der Swing, der Blues, die Grooves, das Tanzen, und vor allem wichtige gesellschaftliche und historische Zusammenhänge. Zudem existiert in New York immer noch eine direkte Nähe zu den OG’s, also den stilprägenden Originalen. Dort ist der geliebte Sound, den wir von alten Platten kennen, in nächster Nähe weiterhin lebendig!

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Und London?

In London bin ich jetzt gerade seit ziemlich genau zwei Jahren. Ich mag die Leute hier einfach. Die Stadt ist riesengroß, und es gibt noch sehr viel für mich zu entdecken. Hier gibt es Leute, die sich fast nur in der Londoner Szene bewegen und damit total ausgelastet sind. Für mich ist es toll, an einem Ort zu sein, der mich so vielseitig sein lässt. Es ist es in London ziemlich normal, dass man sich in unterschiedlichen Stilistiken gleichzeitig bewegt. Mir ist aber natürlich bewusst, dass diese Vielseitigkeit sowohl in New York als auch London oft in der Notwendigkeit aufgrund des finanziellen Drucks durch die teuren Lebenshaltungskosten begründet liegt. Ich wäre fast zurück nach New York gezogen, aber London bietet mir mit seinen fünf Flughäfen eine tolle Flexibilität. Auf diese Weise bin ich schnell überall in Europa und es ist mir auch möglich, mal schnell nach Berlin zu pendeln und Teil der dortigen Szene zu sein.

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Niklas Lukassen: “Ron Carter ist mein Hero, er war mir ein echter Mentor.”

Im „Big Apple“ warst du Schüler der Kontrabass-Legende Ron Carter an der „Manhattan School Of Music”. Mit Maestro Carter bist du mittlerweile gut befreundet und weiterhin in Kontakt, und er hat auch die Liner Notes zu deinem kommenden Album geschrieben. Wie war der Unterricht bei dieser Ikone und wie kamst du dazu?

Als ich mein Masterstudium an der „Manhattan School“ anfing, hat Ron Carter fast zeitgleich angefangen, Studenten dort zu unterrichten. Ich war einer von zwei oder drei Studenten, die das Glück hatten, zu dieser Zeit innerhalb des Studiums regelmäßig von ihm zu lernen. Ich war total sprachlos darüber, dass mir diese Möglichkeit zuteil wurde! Ich war fast jeden Mittwoch um 8 Uhr morgens bei ihm zu Hause. Häufig hieß das, dass ich um 5:30 aufstehen musste, um vorher noch zu üben und bloß nicht zu spät zu kommen. Ron ist mein Hero, er war mir ein echter Mentor – fokussiert, fordernd, großzügig, zuverlässig und, auch wenn zwischen uns auf mehreren Ebenen natürlich Welten liegen, ein guter Freund. Von ihm habe ich Geduld und Disziplin gelernt. Sein Unterricht ist sehr fokussiert darauf, den Kontrabass als Instrument und dessen Begleitfunktion zu verstehen. Dabei vermittelt er ein klares harmonisches Konzept, welches eine starke melodische Stimmführung befördert. Er forderte stets ein, dass ich all meine Töne mit präziser Gleichmäßigkeit spiele. Das heißt neben der Intonation vor allem: Kontrolle über Tempo, Lautstärke und Notenlängen.

Niklas Lukassen
(Bild: Dovile Sermokas)

Du bist bereits in der ganzen Welt getourt, teilweise auch an ungewöhnlichen Orten, wie zum Beispiel in Indien. Um danach noch gleich zwei Monate dort zu leben. Was hast du dort musikalisch gemacht und was sind deine Erfahrungen aus dieser Zeit?

Indien war ein echtes Abenteuer, dort habe ich im letzten Jahr zwei Monate im Staat Tamil Nadu gelebt. In der Nähe von Chennai gibt es eine Musik-Uni, an der ich unterrichtet habe. Der Lifestyle-Wechsel war ziemlich drastisch: Anderes Essen, heftige Hitze und die Auseinandersetzung mit einer wirklich sehr anderen Kultur. Aber genau dafür habe ich das gemacht! Kurz gesagt war es unglaublich bunt in Indien. Außerhalb des Unterrichts, den ich erteilte, habe ich mich häufig in die unterschiedlichen Kurse über Indische Musik gesetzt. Zusätzlich habe ich bei Mridangamist Umayalpuram Mali Stunden in Konnakol genommen, der traditionellen indischen Silbensprache zur Vokalisierung rhythmischer Strukturen. Zu der Auseinandersetzung mit der Musik gehörten meine wochenendlichen Trips in die Tempel und Konzerthäuser, um karnatische Musik hautnah zu erleben.

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Niklas Lukassen: “Meine Forschung befasst sich mit dem Thema, eine gemeinsame künstlerische Stimme auf unterschiedlichen Bass-Saiteninstrumenten zu entwickeln.”

Du arbeitest derzeit an einem PhD an der „Royal Academy Of Music“ in London und betreibst dafür intensive Forschung für das Thema „Bassdoubling“. Was hat es damit auf sich?

Genau. Ich bin dort „Performance Practice Researcher” und darf auch ein paar Studis unterrichten. Im Grunde genommen befasst sich meine Forschung mit dem Thema, eine gemeinsame künstlerische Stimme auf unterschiedlichen Bass-Saiteninstrumenten zu entwickeln. Als improvisierender Musiker kommen meine Ideen von Innen, und wenn ich vom Kontrabass auf die Bassgitarre wechsle, will ich im Grunde genommen immer noch dieselbe musikalische DNA verkörpern.

Dabei ist es mir wichtig, mich mit genauso viel Persönlichkeit und einer klar hörbaren persönlichen Handschrift auf beiden Instrument ausdrücken zu können. Daher verfolge ich schon lange einen Prozess, bei dem ich mir genau die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Instrumenten anschaue, um Herangehensweise zu schaffen, durch die ich dieselben Ideen auf beiden Instrumenten umsetzten kann. Der kreative Transfer von Techniken ist beispielsweise ein sehr interessantes Thema: Wie kann ich das, was ich einem Instrument entlocken kann, in seiner Grundidee auf dem anderen Instrument umsetzten? Dazu gehört z. B., dass ich den Kontrabass ab und zu mit einer spezialisierten Plektrumtechnik spiele, oder ausgewählt mit 4-Finger-Fingersätzen. Und auf meinen Rob Allen Fretless-Bass mit Piezo-Pickup habe ich zuletzt Kunstdarmsaiten gezogen. So wird für Vertrautes ein neuer Kontext geschaffen, durch den ich meine Ausdrucksmöglichkeiten interessant erweitere.

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Niklas Lukassen ist von Natur aus offen für Neues (Bild: Anna Yatskevich)

In deiner Forschung befasst du dich auch intensiv mit dem Hybridinstrument Basscello. Wie kam es dazu und wie setzt du es ein?

In Horn bei Amsterdam lebt der Bassist Mark Zandveld, der versucht hat, ein Instrument zu entwickeln, das sich wie eine Bassgitarre anfühlt, dabei aber dem Sound des Kontrabasses nahekommt. Mark fing damit an, einen E-Bass-Hals an einen Cello-Korpus zu montieren. Diese Idee fand ich super spannend – nicht zuletzt, weil ich seine Zielsetzung absolut nachempfinden konnte. Ich bin nach Amsterdam gereist und habe etwas Zeit in Marks Basswerkstadt „the BaCe“ verbracht. Ein Prototyp-Basscello habe ich dann gleich mitgenommen, und im letzten Jahr wurde mein erstes eigenes Basscello fertiggestellt. Das Basscello ist im Grunde genommen ein etwas größeres Cello, mit einem Hals, der in seiner Mensur dem einer Bassgitarre entspricht. Ich spiele dieses Instrument im Sitzen, benutze in der rechten Hand quasi die Kontrabass-Zupfttechnik und in der linken Bassgitarren-Fingersätze. Meistens spiele ich es in einer Standard-Quartenstimmung, also genauso wie einen Viersaiter-Bass. Das Instrument ist aktuell mit Spirocore 1/4-Kontrabasssaiten bespannt. Das Basscello verhält sich zu einem normalen Cello etwa so wie eine Bariton-Gitarre zu einer regulären Gitarre. Es klingt nicht einfach wie ein kleiner Kontrabass, sondern es produziert einen eigenen, noch tieferen Celloklang. Um ein besseres Verständnis für das Instrument zu bekommen, beginne ich aktuell auch etwas Cello zu lernen, um dieses Hybrid-Instrument nicht nur aus meiner Bassistenperspektive zu beleuchten.

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Niklas Lukassen: “Es fühlt sich für mich wichtig an, jetzt den Schritt als Bandleader zu gehen!”

Das klingt sehr spannend! Themawechsel: Dieser Tage erscheint mit „Still Waters“ ja das erste Album unter deinem eigenen Namen. Wie würdest du deine Musik und das Projekt beschreiben? Was dürfen die Zuhörinnen und Zuhörer von dem Album erwarten?

Es fühlt sich für mich wichtig an, jetzt den Schritt als Bandleader zu gehen! In diesem Prozess habe ich unglaublich über mich selbst und echte Zusammenarbeit gelernt. Das Projekt war für mich sehr ambitioniert und ich bin dankbar und glücklich darüber, meine Lieblingsmusiker versammelt auf diesem Tonträger verewigt zu haben und mit ihnen auf Release-Tour zu gehen. Das Herzstück des Albums ist mein Quartett mit dem Altsaxophonisten Ben van Gelder, dem Pianisten Kit Downes, und dem Drummer Francesco Ciniglio.

Dass wir alle beim gemeinsamen Musizieren aus unterschiedlichen Erfahrungen schöpfen, war ein ganz entscheidender Faktor. Darüber hinaus wurde die Musik durch Gastauftritte von Kurt Rosenwinkel, Céline Rudolph, Wanja Slavin und Geoffroy de Masure bereichert. Man sagt ja: Stille Wasser sind tief – still waters run deep. Der Albumtitel „Still Waters” ist also nur der halbe Satz. Man mag daher vielleicht zunächst auf ruhige Klänge schließen, doch ist man einmal in diese Klangwelt eingetaucht, offenbaren sich unter der Oberfläche ungeahnte Tiefen. Das Album ist ausgesprochen bunt, ich spiele Kontrabass und Bassgitarre, und es sind auch zwei Stücke dabei, für die ich Texte geschrieben habe. Eines davon singe ich selbst.

Niklas Lukassen
Niklas mit der Kernbesetzung seines Solodebüts “Still Waters” (Bild: Dovile Sermokas)

Hast du neben deinen Sideman-Aktivitäten und dem neuen Album noch weitere eigene Projekte?

Ja. Ehrlich gesagt ist das Komponieren, wenn ich Zeit für mich habe, meine musikalische Lieblingsbeschäftigung. Mit meiner Band ECHO gehe ich meiner Leidenschaft für Vokalmusik und eigenen Songtexten nach. Kürzlich habe ich auf Youtube eine Live-Recording-Videoserie dazu veröffentlich. Und in meinem Trio mit Gwilym Simcock (p) und James Maddren (dr) spiele ich Basscello.

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Niklas Lukassen: “Ich denke, dass meine eigene Stimme am Instrument maßgeblich geprägt ist von meinen Aktivitäten als Sideman.”

Apropos Sideman: Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie es ist, wenn man mit dem Kontrabass-Spiel seine Rechnungen bezahlen muss und wie schnell man sich selbst dabei musikalisch verlieren kann. Wie findest du trotz vieler Sideman-Aktivitäten deine eigene Stimme am Instrument?

Ich denke tatsächlich, dass meine eigene Stimme am Instrument maßgeblich geprägt ist von meinen Aktivitäten als Sideman, denn mein musikalisches Umfeld ist mir stets eine große Inspirationsquelle. Es ist natürlich absolut wichtig, seinen Job zu machen, also sich seiner Funktion in der Musik bewusst zu sein und Einfühlungsvermögen gegenüber dem Bandleader und des Repertoires zu besitzen. Bei den meisten Kollaborationen bin ich als improvisierender Musiker aber dazu eingeladen, meine eigene Note einzubringen. Gleichzeitig finde ich es aber auch enorm wichtig, sich immer mal zwischendurch Zeit freizuschaufeln, in der man nicht immer so sehr von außen stimuliert wird. Etwas Ruhe schafft Raum, um tief in sich hineinzuhören. Um neue Ansätze zu entwickeln, braucht man Zeit zum Üben und zum Nachdenken.

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Der Kontrabass bringt bekanntlich viele Herausforderungen mit sich. Eine davon ist das Thema „Transport“. Hast du da irgendwelche Tipps für unsere Leserschaft?

Habt Freunde überall, die einen Bass haben, hahaha! Ich leihe mir tatsächlich ziemlich häufig auf Tour ein Instrument. Glücklicherweise habe ich in London und Berlin jeweils einen eigenen Kontrabass. Das sind die Orte, an denen ich am meisten spiele, und oft gehen von dort aus nationale Touren los, daher kann ich mein Instrument im Zug mitnehmen. Wenn ich fliegen muss, stellt mir der Veranstalter in der Regel einen Kontrabass.

Niklas Lukassen
Schwört auf Equipment von Rheingold: Niklas Lukassen (Bild: Anna Yatskevich)

Niklas Lukassen: “Rhythmus ist die Sprache des Selbstbewusstseins!”

Und was für Tipps hast du für unsere Leserinnen und Leser beim Thema „Üben“?

Rhythmus ist die Sprache des Selbstbewusstseins! Durch Gleichmäßigkeit und Wiederholungen eine starke Time zu entwickeln, hilft, als Bassist im Ensemblekonzept Ruhe und Autorität auszustrahlen. Wenn ich Musik übe, ist ein wichtiger Teil meiner Vorbereitung aber nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Material am Instrument, sondern auch das bewusste Hören von Aufnahmen. Beim Üben finde ich es außerdem wichtig, in einen Flow zu kommen. Das reine Auszüge spielen setzt ein oberflächliches Augenmerk auf die bloße technische Spielbarkeit. Eine fokussierte ununterbrochene Version zu spielen, stellt einen vor tiefere dynamische und kreative Herausforderungen. Ich glaube, die heutige Kurzform-Videokultur durch Instagram & Co. beraubt uns um viele Aspekte dieses Prozesses.

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Kommen wir zum Thema Equipment: Wie sieht dein bevorzugtes Equipment aus, um deinen Sound möglichst gut zu transportieren?

Da bin ich recht pragmatisch: Als Spieler bin ich oft recht aktiv mit relativ hohem physischen Einsatz und so ist es mir wichtig, verstärkt nicht zu laut zu sein. Grundsätzlich positioniere ich meinen Kontrabass-Verstärker gerne mit etwa 1,5 Meter Abstand oder etwas mehr in Bauchhöhe auf einem Podest. So bekomme ich einen guten Eindruck von dem verstärkten Klang auf der Bühne und höre die Tonhöhen recht präzise. Ich habe einen Rheingold Aurum-Bassamp und ein Rheingold „Nature Edition“ BA10 Cherry Cabinet. Jürgen Weidner – Mr. Rheingold – kenne ich schon, seit ich ein Teenager war. Seine Verstärker sind super transparent und liefern ein ausgesprochen detailliertes Klangbild. Ich habe auch ein DPA-Mikrofon für den Kontrabass und mein Basscello. Das hilft mir sehr, wenn ich auf Tour mal über nicht so filigran klingende Verstärker spielen muss. Wenn wir mal sehr laut auf der Bühne sind, kann ich zumindest mit einer Mischform von Amp- und Mikrofonsound eine gute Balance finden.

Niklas, vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns genommen hast. Viel Erfolg mit deinem neuen Album und alles Gute für die Zukunft!

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