Auf jedem Instrument gibt es Performances, welche die Zeitrechnung in ein Davor und Danach teilen. Auch für den E-Bass, der im Vergleich noch immer ein relativ junges Instrument ist, gibt es bereits einige dieser bahnbrechenden Performances. Zehn davon wollen wir uns heute in chronologischer Reihenfolge anschauen und darauf eingehen, wie diese Beiträge ein neues Kapitel in der Zeitrechnung des E-Basses aufschlagen konnten. Wie immer kann eine solche Liste nur unvollständig sein – der eine oder andere persönliche Favorit von euch wird daher sicherlich nicht dabei sein, wenn wir uns aus Platzgründen auf zehn Bass-Solos beschränken.

- Was sind die Voraussetzungen für unsere Liste?
- John Entwistle (The Who): “My Generation” (1965)
- Geezer Butler (Black Sabbath): “N.I.B.” (1970)
- Willie Weeks (Donny Hathaway): “Everything Is Everything” (1972)
- Jaco Pastorius: “Donna Lee”, “Portrait Of Tracy” (1976)
- Jerry “Wyzard” Seay (Mother’s Finest): “Don’t Wanna Come Back” (1979)
- Mark King (Level 42): “Bass Solo / Love Games” (1985)
- Billy Sheehan / Mr. Big: “Addicted To That Rush” (1989)
- Marcus Miller: “Teen Town / Run For Cover” (1993)
- Victor Wooten: “Live At Bass Day 1998”
- Joe Dart / Vulfpeck: “Dean Town” (2016)
Was sind die Voraussetzungen für unsere Liste?
Um es auf unsere Liste zu schaffen, mussten Bass-Solos zu ihrer Zeit der Basswelt natürlich gut zugänglich sein – sei es auf Platte, CD oder Streaming bzw. Social Media – allen voran natürlich die Video-Plattform YouTube. Andernfalls hätten sie wohl niemals die entsprechende Wirkung entfalten können. Natürlich gibt es ikonische Performances, die einen ähnlichen Einfluss hätten haben können, aber zum damaligen Zeitpunkt aus technischen Gründen leider keine Verbreitung gefunden haben. Heute kann man zum Beispiel problemlos viele von Cliff Burtons legendären Bass-Solos auf YouTube sehen. Zu seinen Lebzeiten war dies aber nur der exklusiven Gruppe der Konzertbesucher vorbehalten.
John Entwistle (The Who): “My Generation” (1965)
Dieses Solo ist sicherlich in gleich mehrerer Hinsicht einzigartig: Es gilt allgemein als das erste Bass-Solo im Rock, das jemals auf einer Schallplatte zu hören war. Und dann setzte The-Who-Bassist John Entwistle damit auch gleich noch einen derart hohen Standard, dass sich selbst heute noch viele junge Bassistinnen und Bassisten an diesem Solo die Zähne ausbeißen.
Johns überragende spieltechnische Fähigkeiten, seine melodischen Ideen und sein einzigartiger Sound setzten somit einen Meilenstein für nachfolgende Generationen.
Geezer Butler (Black Sabbath): “N.I.B.” (1970)
Im Jahr 1970 war es ein absolutes Novum, dass ein Hardrock-Song mit einem Bass-Solo begann. Und dann auch noch mit einem bis zu diesem Zeitpunkt niemals gehörten Sound.
Geezer Butler schnappte sich für den Black-Sabbath-Song „N.I.B.“ seinen Fender Precision Bass mit Flatwound-Saiten, riss seinen Röhrenverstärker auf, lieh sich das Wahwah-Pedal seines Bandkollegen Tony Iommi und zelebrierte die E-Moll-Bluestonleiter mit zahlreichen Bendings, Slides und Hammer-Ons.
Willie Weeks (Donny Hathaway): “Everything Is Everything” (1972)
Zur Zeit dieser Aufnahme waren Bass-Solos in Pop, Soul, Rock etc. eine absolute Rarität, vor allem auf Platte. Dies war eher dem Jazz oder Fusion vorenthalten.
Umso mehr spitzte die Basswelt die Ohren, als sie Donny Hathaways Live-Album hörten, auf dem Session-Legende Willie Weeks beim Song „Everything Is Everything“ sich ausgiebig Zeit für ein Solo ließ. Willie bleibt dabei stets im Groove und baut nach und nach mehr melodische Ideen ein, ohne aber seinen Job zu vernachlässigen.
Das gesamte Solo ist ein grandioses Beispiel in Sachen Aufbau, Dynamik, Melodik und Beibehalten des Grooves, so dass es auch nach über 54 Jahren nach wie vor eine Referenz darstellt.
Jaco Pastorius: “Donna Lee”, “Portrait Of Tracy” (1976)
Jaco Pastorius gilt nach wie vor als einflussreichster E-Bassist der Geschichte unseres jungen Instruments. Der Musiker öffnete viele Türen und zeigte als erster, was man aus einem E-Bass alles herausholen kann. Ein großer Anteil seines Rufs als einzigartiger Pionier geht auf sein selbstbetiteltes Soloalbum aus dem Jahr 1976 zurück.
Der Bebop-Klassiker „Donna Lee“ etwa zeigt seine überragenden technischen Fähigkeiten und seine außergewöhnliche Musikalität auf wunderbare Weise. Der zweite bahnbrechende Song ist fraglos „Porträt Of Tracy“. Jaco komponierte mithilfe von Flageolett-Tönen ein in vielerlei Hinsicht komplexes und wunderschönes Stück.
Jerry “Wyzard” Seay (Mother’s Finest): “Don’t Wanna Come Back” (1979)
Mother’s Finest und ihr Bassist Wyzard genießen bis heute nicht die Popularität, die sie meiner Meinung nach verdient haben.
Auch das Bass-Solo des 1979er-Livealbums wird sicher nicht unbedingt jedem ein Begriff sein. Auf mich hatte es dennoch einen immensen Einfluss und ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, denen es ähnlichgeht.
Am Ende des Songs „Don’t Wanna Come Back“ spielt Wyzard ein Solo, das in vielerlei Hinsicht grandios ist. Seine unbändige Energie, seine melodischen Ideen, sein unerschütterlicher Groove, der Wechsel zwischen Fingern und Slap, der dynamische Aufbau und der Arrangement-Trick, dass das Solo der energetische Höhepunkt und gleichzeitig das Ende des Songs ist, machen es zu einem Erlebnis. Der frenetische Jubel des Publikums im Anschluss spricht Bände.
▶ Einen ausführlichen Workshop zu diesem Solo findest du unter diesem Link.
Mark King (Level 42): “Bass Solo / Love Games” (1985)
Mark Kings Slapkünste waren bereits auf den Studioalben von Level 42 zu bestaunen, aber was der Live-Mitschnitt „A Physical Presence“ bot, schien in den 1980er-Jahren nicht von dieser Welt zu sein. Vor allem das Bass-Solo, welches in den Song „Love Games“ mündet, ließ die meisten Bassisten rätselnd zurück.
Die Geschwindigkeit, die Präzision der maschinengewehrartigen Sechzehntel, die vielen Dead Notes und Left Hand Slaps, die unbändige Energie usw. setzten 1985 einen neuen Standard und etablierten Mark Kings Ruf als „Slapgott“.
Billy Sheehan / Mr. Big: “Addicted To That Rush” (1989)
Billy Sheehan hatte bereits mit seiner Band Talas und natürlich als Bassist bei David Lee Roth auf sich aufmerksam gemacht. Auch bei Mr. Big war er zusammen mit Gitarrist Paul Gilbert gleichberechtigter Instrumentalist und konnte seine beeindruckenden Fähigkeiten ausgiebig demonstrieren.
Der Opener „Addicted To That Rush“ ihres Debütalbums zeigte allen ambitionierten Rockbassisten, wo der Hammer hängt. Highspeed-Dreifinger-Technik, halsbrecherische Läufe und unglaubliche Tapping-Einlagen ließen viele offene Münder zurück.
Nicht weniger beeindruckend ist aber, wie Mr. Big es geschafft haben, diese Elemente so in Songs zu integrieren, dass sie stets homogen wirken und nicht dem Technik-Selbstzweck dienen.
Marcus Miller: “Teen Town / Run For Cover” (1993)
Marcus Millers Einfluss auf die Basswelt ist immens und es fällt schwer, hier nur einen Titel auszuwählen. Zwei Songs besaßen aber eine besondere Wirkung und zeigten neue Wege auf. Marcus war in den 80er-Jahren bereits ein etablierter Sideman und bekannt für seine außergewöhnliche Slaptechnik und seinen einzigartigen Sound. In vielen Teilen der Welt war es aber ein äußerst seltenes Vergnügen, den Meister live erleben zu können. Umso mehr lechzte man nach Platten, auf denen Marcus mitwirkte.
Ein regelmäßiger Arbeitgeber war Saxophonist David Sanborn, und auf dessen Livealbum „Straight To The Heart“ ist die Miller-Komposition „Run For Cover“ zu hören, welche sowohl mit einem ausgiebigen Bass-Intro wie auch einem unglaublich energetischem, groovigen und faszinierenden Solo von Marcus glänzt.
Der Song und das Solo dienen bis heute als Referenz in Sachen „geschmackvoller Einsatz der Slaptechnik“. 1993 erschien dann das Soloalbum „The Sun Don’t Lie“, auf dem Marcus den Pastorius-Klassiker „Teen Town“ coverte. Bis dahin konnte sich niemand vorstellen, dass man dieses melodisch und rhythmisch komplexe Fusion-Thema überhaupt mit der Slaptechnik würde spielen können. Marcus bewies das Gegenteil und demonstrierte nachhaltig, dass diese Technik nicht nur für spektakuläre Soli taugt, sondern auch ein eigenständiger Sound ist, der nicht zuletzt hervorragend für die Interpretation von Melodien geeignet ist.
Victor Wooten: “Live At Bass Day 1998”
Als ich mir die VHS-Kassette „Victor Wooten Live At Bass Day 1998“ besorgte und zum ersten Mal sah, wollte ich sofort im Anschluss mein komplettes Equipment verkaufen und etwas „Gescheites“ lernen.
Ich hatte vorher bereits Victors Soloalbum „A Show Of Hands“ gehört, war aber wenig begeistert. Die Musik ist natürlich großartig, aber ich bin grundsätzlich kein Fan von Songs mit mehreren Bassspuren übereinander und war in dem Glauben, dass Victor so sein Album aufgenommen haben müsste.
Doch weit gefehlt: Als ich auf dem Video sah, dass er diese drei oder vier Spuren gleichzeitig mit nur zwei Händen und einem Bass spielte, wusste ich, dass nichts mehr in der Basswelt mehr sein würde wie vorher! Genauso erging es wohl fast allen, die dieses Video damals zu sehen bekamen.
Joe Dart / Vulfpeck: “Dean Town” (2016)
Jede Zeit hat ihre eigenen Helden – seit etwa zehn Jahren ist dies ganz gewiss Joe Dart. Mit seiner Band Vulfpeck und anderen Projekten erreichte er, unterstützt durch geschicktes Marketing in den sozialen Medien, eine enorme weltweite Popularität.
Joe Dart ist so etwas wie der heimliche Star von Vulfpeck. Der große Durchbruch gelang der Band mit der Single „Dean Town“, welches sich an Jacos „Teen Town“ anlehnt und für Bassistleute von heute mindestens den gleichen Stellenwert innehat. Der Song beinhaltet zahlreiche Stilmerkmale von Joe: trockener gedämpfter Sound, ultra tighte Sechzehntel, viele perkussive Elemente, wie Dead Notes und Raking etc.
Mittlerweile ist „Dean Town“ so populär, dass die Fans bei Konzerten das rhythmisch und melodisch komplexe Thema fehlerfrei mitsingen – das war selbst Jaco mit „Teen Town“ nicht vergönnt!
▶ Einen ausführlichen Workshop zu dem Song findest du hier.
Viel Spaß mit diesen legendären Bass-Solos wünscht Thomas Meinlschmidt










