Pete York ist ohne Zweifel eine Schlagzeugerlegende. Was hat dieser Mann mit seinen mittlerweile 83 Jahren nicht schon alles gemacht und erlebt? Seit mehr als 60 Jahren sitzt der gebürtige Brite hinter seinem Drumset und hat dabei mit der Spencer Davis Group bereits Mitte der Sechzigerjahre Nummer-eins-Hits gehabt, ist mit dem Organisten Eddie Hardin als „The World’s Smallest Big Band“ aufgetreten, hat mit dem Deep-Purple-Organisten Jon Lord und klassischem Orchester gespielt, eigene Bands gehabt, mit „Super Drumming“ eine bis heute einmalige Fernsehserie mit Fokus auf Drums und Drummer erfunden, realisiert und moderiert, hat Helge Schneider kongenial begleitet und, und, und. Die Liste ist lang.
Mittlerweile ist es, gesundheitlich bedingt, zwar ruhiger um Pete York geworden, aber das bedeutet nicht, dass er untätig wäre. Was ihn aktuell umtreibt und wie er selbst auf seine Vergangenheit schaut, das hat er uns auf seine unverwechselbar (d)englische Art und Weise im Interview erzählt.

Wie geht’s dir derzeit?
Gut, gut. Na ja, meine Frau und ich werden natürlich älter [lacht]. Deswegen sind wir ja vor kurzem auch in ein kleineres Haus gezogen, das sich zudem in der Nähe des Wohnortes unserer Tochter befindet. Ich muss hier keine Treppen steigen, und im Keller gibt es einen Schlagzeugraum, den ich mit einem Treppenlift erreichen kann. It’s OK, you know.
Du musst immer noch regelmäßig zur Dialyse?
Ja. Ich fürchte, sie wird mich bis zu meinem Lebensende begleiten – dreimal die Woche für mehrere Stunden. Damit komme ich mittlerweile ganz gut klar. Meine nicht mehr arbeitenden Nieren würden mich sonst wohl in kürzester Zeit umbringen. Die andere Sache, mit der ich zu kämpfen habe, nennt sich Polyneuropathie und schädigt die Nervenverbindungen. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass ich manchmal keinen Gleichgewichtssinn mehr habe. Deswegen muss ich dauerhaft am Rollator gehen — aber auch das bekomme ich hin. Wie man sich leicht vorstellen kann, erschwert das alles aber das Schlagzeugspielen ein wenig [lacht]. Wenn ich in den Keller fahre und für mich selber spiele, dann ist es, finde ich, aber insgesamt gar nicht so schlecht – obwohl es nicht mehr das ist, was es einmal war. Andererseits sorgt diese Situation dafür, dass ich nicht zu viel spiele [lacht]. So viele Drummer heutzutage spielen schließlich viel zu viel.
Spielst du noch regelmäßig?
Ja, zwar nicht jeden Tag, aber schon mehrmals die Woche.

Hat das denn wiederum Einfluss auf den Krankheitsverlauf?
Ich weiß es nicht so genau. Das Problem ist, dass die Krankheit leider unheilbar ist. Wenn sie aber an dem Punkt einfrieren würde, an dem sie sich jetzt befindet, dann wäre es not too bad. Ich kann ganz gut damit leben. Wenn es jedoch schlimmer würde, dann könnte ich die Beine vielleicht eines Tages gar nicht mehr bewegen und müsste in a proper Rollstuhl. Drücken wir mal die Daumen, dass es nicht so weit kommt. Auf Tour kann ich jedenfalls nicht mehr gehen – allein schon wegen der Dialyse. Auf der anderen Seite wäre ich vor wenigen Jahren noch ziemlich schnell an meiner Krankheit gestorben. Es ist also schon alles okay so. Ich war schon immer ziemlich optimistisch und will es auch weiterhin so halten.
Derzeit denke ich zum Beispiel darüber nach, zumindest im Süden Deutschlands einige Talk-Evenings zu machen. Es gibt schließlich so viele Geschichten, die ich aus meinem Leben erzählen kann. Solche Veranstaltungen wären sicher eine schöne Sache. Ich habe auch schon locker mit einigen Clubbetreibern gesprochen, und ihnen gefiel die Idee. Es gibt schließlich auch andere Drummer, die etwas Ähnliches machen, und ich habe viel weiterzugeben – allein schon, wie ich damals mit dem Schlagzeugspielen angefangen habe. So viele von uns Drummern haben den gleichen Background.
Wir waren in den Sixties allesamt Jazzliebhaber, die aber in Rock- oder Popbands spielten.
Bei mir war es allerdings etwas außergewöhnlich, da ich schon in der Schule neben dem Spielen im Schulorchester den schuleigenen Jazzclub wiederbelebt habe. Unsere kleine Jazzband war zwar nicht wirklich gut, aber sei’s drum. Es war something, und ich konnte Musik spielen. Außerdem gab’s damals an der Schule, einem Internat, auch zweimal die Woche eine militärische Ausbildung. Da war ich vielleicht 15, 16 Jahre alt. Dazu spielte ich natürlich die Marschtrommel in der military Kapelle. Da habe ich meine Rudiments gelernt, und es war etwas anderes, als zu Hause auf meinem selbstgebastelten Kram herumzutrommeln – womit ich mit etwa zehn Jahren angefangen hatte. Solche Geschichten würde ich gerne mit den Leuten teilen.
Und: Wir waren in den Sixties allesamt Jazzliebhaber, die aber in Rock- oder Popbands spielten [lacht]. Jeder weiß das von Charlie [Watts], aber wir waren damals eigentlich alle frustrierte Jazzer [lacht]. Sobald sich irgendwo die Gelegenheit bot, haben wir Jazz gespielt. Wann immer ich damals mit Spencer Davis einen Off-Day hatte, bin ich in London herumgelaufen und habe in verschiedenen Jazzclubs bei Sessions gespielt. Ich kannte Bandleader wie Chris Barber und Acker Bilk, und sie ließen mich gerne mitspielen. So habe ich viel gelernt, und es waren tolle Zeiten. Wenn du an wöchentliche Musikzeitungen wie den Melody Maker denkst, dann gab es darin Informationen zu allem: Rock, Pop, Jazz und vieles mehr. Die Beatles hatten die gleiche Headline-Größe wie Duke Ellington. Für mich war das eine tolle Zeit, denn alles stand gleichberechtigt nebeneinander.
Heute ist man wesentlich spezialisierter und damit auch eingeschränkter, wobei Musik immer noch so viel mehr ist. Das würde ich gerne den jungen Leuten mitteilen, denn vielleicht bringt das den ein oder anderen ja auf den Geschmack. So was könnte ich gerne bei derartigen Live-Talk-Events machen.

Gibt es denn derzeit auch richtige Gigs für dich?
Nein [lacht]. Ich meine, einmal im Jahr findet eine private Feier in der Nähe statt, bei der ich mit einer Band spiele. Das war’s dann aber auch. Die Leute sollen ruhig wissen, dass ich zwar nicht mehr auftrete, aber dennoch nie mit dem Schlagzeugspielen aufhören werde. Ich liebe es schließlich.
Aufhören möchte ja niemand freiwillig.
Nein [lacht]. Solange es irgendwie möglich ist, sicher nicht. Mein Problem ist, dass ich durch die Polyneuropathie die Stöcke manchmal nicht mehr richtig festhalten kann. Es ist ein komisches Gefühl, vor allem in meiner linken Hand – in etwa so, als hätte ich sehr enge Handschuhe an. Ich bekomme es zwar hin, aber ich muss mich schon konzentrieren. Auf der anderen Seite hält mich das wie gesagt davon ab, mit der linken Hand zu viel zu spielen [lacht], und das ist ja auch nicht schlecht. Ich mache einfach weiterhin, was ich noch hinbekomme und folge den Anordnungen der Ärzte. Im Moment habe ich den Eindruck, dass die Situation nicht unbedingt schlimmer wird.

Du stehst seit über 60 Jahren auf der Bühne. Wie blickst du auf einen solchen Zeitraum zurück?
Professionell bin ich seit 1963 unterwegs, und in dieser Zeitspanne gab’s natürlich einige Highlights: Als Erstes kommt mir in den Sinn, als die Spencer Davis Group damals mit „Keep On Running“ den ersten Nummer-eins-Hit hatte – das war lustigerweise an Weihnachten 1965, also vor genau 60 Jahren. Meine Mutter hat damals sämtliche Artikel über uns aus den Zeitungen ausgeschnitten, und diese Zeitungsausschnitte habe ich heute noch. Darin zu blättern, ist schon ein besonderes Erlebnis – auch wenn mittlerweile alles etwas vergilbt ist. Aber mir geht es gar nicht so sehr um die Vergangenheit, denn auch und gerade heute gibt es viele tolle Drummer, die die Musik und das Drumming weiterentwickelt haben.
Du hast deine Augen und Ohren also auch in der aktuellen Szene?
Ja, auf jeden Fall – insbesondere natürlich, was Jazz angeht. Meine Leidenschaft gilt immer noch den Bigbands: Da reicht mein Spektrum von den Klassikern wie Duke Ellington – der mir übrigens in New York, in einer Rooftop-Bar auf dem Empire State Building, aus Versehen einmal auf den Fuß getreten ist [lacht] – und Count Basie bis hin zu modernen Formationen. Allerdings habe ich es dabei gerne gegenständlich und nicht zu abgehoben. Es gibt so viele spannende Bands.
War es seinerzeit einfacher, als Musiker professionell zu arbeiten, oder ist das ein Mythos?
Na ja, heutzutage hast du es vielleicht sogar einfacher, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Ich meine, damals war es nicht unbedingt so, dass man einen Mick Jagger angerufen und gefragt hätte, ob er einen Drummer braucht [lacht]. Das hätte niemals funktioniert. Meine Freundschaft mit Charlie war übrigens, wo wir gerade darüber gesprochen haben, auch ein Highlight meiner Karriere – so ein feiner Kerl. Ich habe immer gerne Kontakt zu Menschen gesucht, die mich inspiriert haben und ihnen das auch gesagt. Man musste und muss einfach die Ohren offen halten, sonst verpasst man etwas. Solange ich hier bin, möchte ich nichts verpassen [lacht].
Natürlich müssen wir über „Super Drumming“ sprechen.
Auch diese Fernsehserie [zwischen 1987 und 1990 in drei Staffeln à sechs Folgen in der ARD ausgestrahlt] gehört natürlich zu den Highlights meiner Karriere – genauso wie meine Konzerte mit Eddie Hardin. Wir haben in Finnland einmal vor 85.000 Menschen gespielt – du sahst das Ende der Menschenmasse nicht mehr. Wir standen da vorne nur zu zweit, Eddie und ich. Damals habe ich viele Soli gespielt, was dazu führte, dass ich 1970 zusammen mit Carl Palmer [Drummer von Emerson, Lake and Palmer] im Melody-Maker-Poll der zweitbeste Drummer hinter Ginger Baker [Drummer von Cream] war. Hah! So weit habe ich es gebracht. Wenn ich mir heute meine Aufnahmen von damals anhöre, dann ist das alles schon nicht so schlecht [lacht].
Man musste und muss einfach die Ohren offen halten, sonst verpasst man etwas.
In den Siebzigerjahren habe ich dann verschiedene Dinge gemacht, unter anderem mit Jon Lord [Organist bei Deep Purple]. Mit „Super Drumming“ in den Achtzigern habe ich den Eindruck, wirklich etwas erschaffen zu haben: Es waren 18 Folgen über drei Jahre, und ich habe alles geschrieben, was die Story-Lines und so weiter angeht. Bei der Musik hatte ich natürlich Hilfe, zum Beispiel von Brian Auger [englischer Organist] und Wolfang Schmid [deutscher Bassist]. Michael Maschke hat die Regie übernommen. Eine solche Fernsehserie, die Drums und Drummer in den Fokus stellte und bei der live Musik gespielt wurde, war damals einzigartig, und zwar weltweit. Die anderen Dinge, die es gab, waren in erster Linie Dokumentationen oder so was, aber ohne Livebands.

Es ist schade, dass all diese Sachen heute im Archiv liegen, abgesehen von einer DVD-Box vor einigen Jahren, auf der es aber nur die Musik gab. Die Moderationen und Interviews waren und sind für mich allerdings ein ebenso wichtiger Bestandteil der Serie. Damals konnten wir selbstverständlich nicht alles Aufgenommene senden, und die vollständigen Interviews müssen noch irgendwo im Archiv sein – gathering dust, as we say.
Mein Interview mit Louie Bellson [amerikanischer Bigband-Drummer] zum Beispiel hat über eine Stunde gedauert, weil es uns einfach so viel Spaß gemacht hat und wir nicht zu plaudern aufhören wollten. Senden konnten wir das alles freilich nicht. Alles wurde jedoch gefilmt und muss noch irgendwo sein – allerdings auf analogen Filmrollen [lacht], die man erst einmal digitalisieren müsste. „Super Drumming“ war also, wenn du so willst, das kreativste Projekt, das ich jemals gemacht habe: Musik, Text, Interviews, Schauspielerei, Choreografie wie Stepptanz und so weiter. Dieses Gesamtbild war mir damals superwichtig – und davon abgesehen gab’s backstage sehr viele unterhaltsame Gespräche, wie du dir das bei so vielen Drummern an einem Ort leicht vorstellen kannst [lacht]. Vor allem die beiden Stepptänzer [The Clark Brothers], die ja noch aus einer ganz anderen Generation kamen, hatten wundervolle Geschichten zu erzählen.
Wenn du damals solche Geschichten aus den 20er- und 30er-Jahren gehört hast, ist das so, als wenn man heute die Geschichten aus den Sixties hört?
Ja, schon. Die Dreißigerjahre waren schließlich die goldene Zeit der Bigbands. Die verdienten damals auch sehr, sehr viel Geld. Der Savoy Ballroom in Harlem hatte Platz für vielleicht 4000 Leute, und die Plätze waren bei den Konzerten großer Bigbands jeden Abend ausverkauft. Gleichzeitig standen aber draußen noch 5000 Leute, die rein wollten. Das ist schon etwas. Wenn ich heute über die Sixties rede, dann denke ich vor allem an all die zahllosen Musikclubs, die es allein in London gab – und in jedem gab es Livemusik. Das war einfach verrückt. Erst als wir alle zu größeren Acts wurden, konnten wir dort nicht mehr spielen, weil die Venues einfach zu klein waren. Für mich sind aber die Dreißigerjahre genauso ein Mythos wie für jüngere Generationen heute vielleicht die Sechziger. Daran wird sich wohl nie viel ändern, und jede Generation hat ihr eigenes golden age.
Seit Covid ist die Szene allerdings eine andere, denn vieles hat sich wohl nachhaltig verändert: Heute kannst du nicht mehr jeden Abend in der Woche in einer anderen Band in einem anderen Club der Stadt spielen. Bei Konzerten der großen Acts ist die Szene scheinbar ganz gesund und dort lässt sich Geld verdienen, aber die Clubszene mit den kleineren und vor allem regelmäßigen Auftrittsmöglichkeiten leidet schon sehr. Das tut mir für die jungen Musiker leid. Für mich ist es eh too late.
Wie sieht die Zukunft für dich aus?
Ich versuche, am Leben und cheerful zu bleiben. Dafür muss ich mich schon ein wenig um meinen Körper kümmern. Mit 83 hat man bereits so einige seiner Freunde verloren, sodass man sich freuen sollte, überhaupt noch hier sein zu dürfen. Ich mache einfach das Beste draus.
Biografie:
Pete York wurde 1942 im englischen Middlesbrough geboren. Im Alter von rund zehn Jahren begann er mit dem Schlagzeugspielen auf Töpfen und Pfannen aus dem York’schen Haushalt und zu amerikanischem Jazz aus dem Radio. Nach der Schule, wo er auch in den Schulbands spielte, ging er nach Birmingham und schloss sich der dortigen Musikszene an. Mit der Spencer Davis Group machte York Mitte der Sechzigerjahre wegweisende Aufnahmen: „Keep On Running“ wurde 1965 ein Number-One-Hit, „Gimme Some Lovin’“, „I’m A Man“ und weitere folgten. 1969 gründete York mit Eddie Hardin „The World’s Smallest Big Band“ und tourte mit Deep Purple. 1972 kam Pete York’s Percussion Band dazu. 1973 war York mit Klaus Doldinger unterwegs. Mit Deep-Purple-Organist Jon Lord spielte York 1974 bei Rock-Meets-Classic-Projekten. Zudem tourte er mit der englischen Jazzlegende Chris Barber. 1984 zog Pete York mit Frau und Tochter nach Deutschland, wo er seither lebt. Ein Treffen mit Michael Maschke führte 1987 zur ersten Ausgabe der Fernsehshow „Super Drumming“ mit Gästen wie Louie Bellson, Ian Paice, Simon Phillips, Cozy Powell und vielen anderen. Zwei weitere Staffeln à sechs Folgen liefen 1989 und 1990. 2003 schauspielerte und musizierte Pete York mit Jimmy Woode und Helge Schneider in dessen Kinofilm „Jazzclub“. Zahlreiche Konzerte mit Helge Schneider folgten.
Diskografie (Auswahl):
- Spencer Davis Group: Their First Album, The Second Album, Autumn 66 (alle 1966)
- Hardin & York: Tomorrow Today (1969), The World’s Smallest Big Band (1970)
- Jon Lord: Windows (1974), Sarabande (1976)
- Klaus Doldinger: Jubilee Concert (1974)
- Pete York: Super Drumming (1987, 1989, 1990)
- Pete York & Young Friends: Basiecally Speaking (2013)
- Helge Schneider/Pete York: Heart Attack No. 1. (2017)
- The Beck & York Experience: Nine Inch Brushes (2022)
Equipment:
- Drums: Pearl „Reference“ („White Marine Pearl“)
- 24“ x 14“ Bassdrum
- 13“ x 9“ Tom
- 16“ x 16“ Floortom
- 14“ x 6,5“ Snaredrum (Solid-Maple-Shell)
- Cymbals: Sabian
- 20“ „Artisan“-Ride
- 10“ „HHX“-Splash
- 18“ „HHX“-Crash (thin)
- 16“ „HHX“-EFX-Crash (mit Rivets)
- 13“ „HHX“-Regular-Hats
- Sticks: Vic Firth 5AX
- Heads: Aquarian/Remo (»Modern Vintage« (Toms, Snare); »Powerstroke 3« (Bassdrum)
Website: www.peteyork.net























