Angine de Poitrine: Wie eine Band mit Mikrotonalität das Internet erobert – und was KI damit zu tun hat

Gerade einmal sechs Monaten ist es her, dass sich das Duo Angine de Poitrine aufgemacht hat, die Musikwelt im Sturm zu nehmen. Millionen von Views und Streams auf YouTube bzw. Spotify lassen den Verdacht aufkommen, dass uns die kanadische Band vielleicht gerade den Startschuss einer neuen musikalischen Zeitrechnung beschert – Stichwort: Mikrotonalität! Werden wir also unseren Enkelkindern erzählen können, dass wir dereinst Zeugen der „Geburt“ eines neuen Trends sein durften? Sollten Angine de Poitrine tatsächlich mehr als nur ein vorübergehendes Phänomen sein, dürfte dies immerhin auch massive Auswirkungen auf den Instrumentenbau der kommenden Jahre haben. Doch damit nicht genug: Auch das Thema „Künstliche Intelligenz in der Musik“ wird durch Angine de Poitrine im Moment vollkommen neu beleuchtet. In diesem Artikel wollen wir der Frage nachgehen, wer oder was Angine de Poitrine sind und einen Blick auf ihre Musik und ihre Instrumente werfen.

Angine de Poitrine
Internetphänomen mit innovativen Ideen und geschicktem Marketing: Angine de Poitrine (Bild: Constantin Monfilliette)

Wer oder was ist Angine de Poitrine?

Angine de Poitrine (übersetzt „Angina Pectoris“ – ein starkes Engegefühl in der Brust, das durch eine vorübergehende, mangelhafte Durchblutung des Herzmuskels entsteht) ist ein Duo, welches bereits im Jahr 2019 gegründet wurde. Die beiden Mitglieder nennen sich Klek (dr) und Khn (git, b) de Poitrine und sind laut ihrer handgefertigten Personalausweise “333 Jahre alte außerirdische Zeitreisende”. Aha! Die irdische Heimat der beiden Protagonisten ist Quebec, Kanada.

Bei ihren Auftritten tragen Angine de Poitrine Kostüme mit übergroßen Masken, mit denen sie auch auf jedem Kindergeburtstag eine gute Figur machen würden. Der gepunkteten Look lehnt sich an schwarze und weiße Würfel an. Auch ihre Instrumente sowie der optische Hintergrund während ihrer Konzerte werden in diesem Design gehalten, was dem Duo eine unverwechselbare Corporate Identity (CI) verleiht.

Hinzu kommt der Gruß, bei dem sie mit ihren Händen eine Pyramide bilden, was in ihrer außerterrestrischen Heimat als Symbol für gegenseitige Unterstützung und Zusammenhalt steht. Insgesamt sind Angine de Poitrine also ein komplett durchdachtes Gesamtkunstwerk.

Angine de Poitrine
Zwischen Kunst und Kitsch: Angine de Poitrine wissen, wie man sich optisch in Szene setzt! (Bild: Constantin Monfilliette)

Der Auftritt in ihren Kostümen und das Verstellen der Stimmen bei Interviews gibt den beiden Mitgliedern die Möglichkeit, hinter ihren Masken zu verschwinden und komplett anonym zu bleiben – einen ähnlichen Fall kennen wir ja auch schon von Daft Punk. Schnell wird klar: Die Musik und Performance sind Angine de Poitrine wichtiger als die beiden Individuen.

In Zeiten von Social Media ist der visuelle Aspekt für Musiker und Bands zweifelsfrei ein großer Faktor. Die enorm auffällige und zudem komplett durchgezogene CI passt nicht nur perfekt zur Musik von Angine de Poitrine, sondern sorgt natürlich für ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal.

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Welches Equipment benutzen Angine de Poitrine?

Der Einfachheit halber fangen wir mit dem Schlagzeug von Klek de Poitrine an, ist dieses doch ein handelsübliches Drumset, welches aber mit in der Optik der Corporate Identity gehaltenen Tüchern abgedämpft wird, um einen extrem kurzen und trockenen Sound zu erhalten.

Darüber hinaus hält Klek die Sache extrem minimalistisch: Bassdrum, Snare und Hi-Hat spielen bei den Grooves des Duos die Hauptrolle. Splash- und Ride-Becken nebst einem oder zwei Toms kommen nur sehr spärlich zum Einsatz.

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Doch kommen wir zu dem „Ding“, was Khn de Poitrine um den Hals hängen hat. Die Bezeichnung, die man immer wieder liest, lautet „Microtonal Double Neck Guitar/Bass“. Zunächst einmal haben wir es mit einem “Double Neck”-Instrument zu tun – also einem Saiteninstrument mit zwei Hälsen. Instrument Nummer 1 ist eine Gitarre, Nummer 2 ein Bass. Das ist per se nichts ganz Neues, wenn auch vergleichsweise selten.

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Khn geht aber noch einen großen Schritt weiter, ließ er sich doch das Griffbrett von Gitarrenbauer Raphaël Le Breton aus Quebec so bundieren, dass jeder Halbton noch ein weiteres Mal unterteilt wird. Dadurch umfasst eine Oktave nicht mehr 12, sondern nunmehr 24 Töne. Dieses Phänomen nennt man Mikrotonalität, zu der wir gleich noch kommen.

Weitere Specs des Instruments sind ein Korpus aus Linde, Edelstahlbünde und große phosphoreszierende Positionsmarker plus farbige Punkte an der Seite. Diese sind nötig, da Khn aufgrund seiner Maske natürlich eine eingeschränkte Sicht auf das Griffbrett hat.

Angine de Poitrine
Stehen – und sitzen – auf Pyramiden: Angine de Poitrine (Bild: Cr. Samsnow)

Das Signal von Gitarre und Bass wird jeweils separat ausgegeben und anschließend in jeweils ein individuelles Effektboard geleitet, wo die weitere Klangformung stattfindet, die Khn de Poitrine für die Kompositionen im Kopf hat.

Auf den beiden Effektboards befinden sich – natürlich – diverse Effekte, allen voran zwei RC-600 Looper aus dem Hause Boss. Diese beiden High-Class-Looper sind ein wesentlicher Bestandteil der Musik von Angine de Poitrine: Da Khn natürlich immer nur ein Instrument auf einmal spielen kann, muss er folglich entweder den Bass oder den Gitarren Part zuvor loopen, um den Groove des jeweiligen Instrumentes nicht zu stoppen.

Hinzu gesellen sich allerlei Pedale wie ein Moog Ringmodulator, ein MXR Bass Octaver, ein DD-8 Delay, ein RAT Distortion, ein Mad Professor Overdrive und mehrere Boss Expression-Pedale. Das Gitarrensignal geht dann weiter in einen Roland Jazz Chorus JC-120 Combo, das Basssignal in einen Hartke HD2500-Topteil. Diese beiden vergleichsweise cleanen Plattformen ermöglichen Khn, seine Pedale entsprechend einzusetzen.

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Spannend wird die Beobachtung sein, auf welche Weise die Industrie auf den Erfolg von Angine de Poitrine reagiert. Bisher sind Gitarren oder Bässe mit 24 Tönen pro Oktave selbstverständlich Sonderanfertigungen.

Schaffen es Angine de Poitrine aber, einen nachhaltigen Trend zu setzen, dem viele Bands nacheifern, könnten wir in nicht allzu ferner Zukunft durchaus einen veränderten Saiteninstrumenten-Markt erleben!

Ganz neu sind derartige Instrumente freilich nicht: Künstler wie Steve Vai, Jacob Collier, King Gizzard and The Lizard Wizard sowie weitere experimentierten ebenfalls schon mit Gitarren und Bässen dieser Art. Der große Unterschied ist, dass bei Angine de Poitrine Mikrotonalität kein Experiment, sondern das identitätsstiftende Merkmal ist.

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Was für Musik macht Angine de Poitrine?

Angine de Poitrine bezeichnen ihre Musik selbst als „Mischung aus Acid Techno, Disco und Rock“. Beide Musiker betreiben zusammen auch ein Punk-Nebenprojekt, und die Attitüde des Punk-Genres ist definitiv auch bei Angine de Poitrine spürbar. Ein weiterer Aspekt ist Progressive bzw. Math Rock sowie aufgrund der Mikrotonalität indische und/oder arabische Einflüsse. Auch in der Avantgarde-Musik wurde Mikrotonalität bereits als Stilmittel verwendet, daher könnte hier eine weitere Inspiration für Angine de Poitrine liegen.

Die Songs des Duos basieren jeweils auf mehreren Riffs, die in der Regel ein Instrument vorgibt und welches dann – zumindest rhythmisch – unisono gespielt wird. Häufig ergänzt Klek die Riffs  zunächst mit einfachen Drum-Grooves, die nicht selten an Disco-Beats angelehnt sind. Immer wieder schleichen sich aber auch mal ungerade Taktarten, „Stop And Go“-Breaks, Wechsel zwischen binärem und ternärem Feel sowie rhythmische Überlagerungen ein – die klassische Rezeptur für Progressive Rock.

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Das harmonische Konzept von Angine de Poitrine liegt in der bereits beschriebenen Mikrotonalität, in diesem Fall 24 Halbtöne pro Oktave. Die Wurzeln der Mikrotonalität liegen in der altgriechischen Musik sowie in außereuropäischen Kulturen, wie dem arabischen Raum oder Indien. Khn harmonisiert die Riffs immer wieder in ungewöhnlichen Intervallen oder spielt Akkorde dazu, welche eben nur mithilfe seines speziellen Instrumentes möglich werden.

Mit unserer auf 12 Halbtönen pro Oktave basierenden Funktionsharmonik ist diese Tonalität nicht zu erfassen oder einzuordnen. Mikrotonalität ist zwar nichts Neues und in Teilen der Welt auch die Normalität. Das wirklich Erfrischende ist jedoch, wie und in welchem Kontext Angine de Poitrine diesen harmonischen Kosmos einsetzen ihn zu ihrem Alleinstellungsmerkmal machen.

Angine de Poitrine
Angine de Poitrine (Bild: Constantin Monfilliette)

Warum sind Angine de Poitrine ein Hoffnungsträger in Zeiten von KI?

Die Künstliche Intelligenz („KI“) hat die Musikwelt bereits in zahlreichen Aspekten stark verändert. Viele unbekannte wie bekannte Künstler nutzen sie bereits, um Songs zu komponieren. Auf Streaming-Plattformen befinden sich mittlerweile Millionen Songs, die komplett von KI komponiert und performt wurden – folglich ist hier kein einziger Musiker aus Fleisch und Blut mehr involviert.

Die Motivation dahinter ist die gleiche wie seit tausenden von Jahren: Geld. Mithilfe von KI lässt sich auf enorm effiziente Weise „musikalische Wegwerfware“ produzieren, mit der man kurzfristig schnelles Geld verdienen kann. Ein künstlerischer und nachhaltiger Anspruch beziehungsweise der Anspruch an sich selbst bleibt dabei – kaum verwunderlich – komplett auf der Strecke.

Das klingt natürlich nach einer unschönen Entwicklung, dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Macht über Erfolg oder Misserfolg von KI generierter Musik in unser aller Händen liegt: Würde sie niemand hören, würde sie auch nie machen!

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An der Motivation, Geld zu verdienen, ist natürlich nichts Verwerfliches, das möchten wir schließlich alle. Und natürlich darf jeder die Musik hören, die er möchte. Problematisch wird es allerdings, wenn die Transparenz auf der Strecke bleibt. Noch immer kommt es häufig vor, dass die Hörer nicht wissen, dass ihnen in ihrer Playlist KI-generierte Musik untergejubelt wird, an dem keine Musiker, sondern einzig die Streaming-Plattform selbst verdient.

Zum Glück sind wir Menschen, und Menschen streben letztlich immer nach etwas Menschlichem. Perfektion befremdet uns, dafür können wir spüren, wenn jemand etwas mit Leidenschaft und Liebe macht. „Authentizität“ ist hier das große Stichwort, und dazu wird KI vermutlich nie in der Lage sein.

Die Musik von Angine de Poitrine ist authentisch, sie ist umkommerziell, sie ist komplex, aber dennoch einfach hörbar. Sie ist wild und aufregend, und sie erfordert Aufmerksamkeit anstelle von Gleichgültigkeit. Angine de Poitrine machen die Musik, die ihnen am Herzen liegt, ohne dabei auf kommerzielle Aspekte zu schielen. Diese Leidenschaft ist spürbar und überträgt sich auf die Hörer.

Der große Erfolg von Angine de Poitrine in derart kurzer Zeit zeigt, dass Menschen nach so etwas dürsten und der Zenit von KI-generierter Musik möglicherweise bereits überschritten ist. Zumindest machen uns die beiden “Außerirdischen” dafür etwas Hoffnung – und das allein verdient schon unsere Anerkennung!

Angine de Poitrine
Sie könnten ein musikalischer Wegweiser in die Zukunft sein: Angine de Poitrine (Bild: Jacket numérique VF)
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Profilbild von Michael

Michael sagt:

#1 - 10.06.2026 um 17:13 Uhr

0

habe vor ca 1 Monat zum ersten Mal davon gehört und gleich beide Alben gekauft. Sensationell originell

Profilbild von MartY ATARI

MartY ATARI sagt:

#2 - 10.06.2026 um 17:19 Uhr

0

weiss nicht was da so toll sein soll ein Freund hat die mit geschickt und war ganz enttäuscht, dass ich die nicht so toll finde. warum hypet die jeder? Bestechung?

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