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Die New York Times erklärt die besten Songwriter aller Zeiten und vergisst dabei fast die Musik

Listen über die besten Songwriter aller Zeiten waren schon immer ein Minenfeld. Egal wie man sie zusammenstellt, am Ende fehlen immer Namen. Genau das macht solche Rankings interessant. Die aktuelle Liste der „30 Greatest Living American Songwriters“ der New York Times hat allerdings eine Debatte ausgelöst, die weit über einzelne Platzierungen hinausgeht. Denn plötzlich ging es weniger um Songs selbst als um die Frage, wie heute überhaupt noch über Songwriting gesprochen wird.

Raph_PH, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commons

Plötzlich schien Musik fast nebensächlich

Dass bei einer Top-30-Liste der besten Songwriter Namen fehlen, überrascht niemanden. Dafür sind solche Rankings schließlich da. Sie sollen Diskussionen auslösen. Niemand erwartet bei einem Thema wie Songwriting objektive Vollständigkeit. Dafür sind Musikgeschmack, Einflüsse und persönliche Gewichtungen viel zu unterschiedlich. Das eigentliche Problem begann erst danach.

Denn die New York Times veröffentlichte nicht einfach nur eine Liste der größten Songwriter, sondern verteidigte sie anschließend auf eine Weise, die viele Leser irritierte. Teilweise wirkte es plötzlich so, als müsste klassisches Songwriting erst einmal kulturell relativiert werden, bevor überhaupt über die Songs selbst gesprochen werden darf.

Natürlich kann man darüber streiten, ob jemand wie Taylor Swift wichtiger ist als Paul Simon. Ob moderner Hip-Hop anders bewertet werden muss als klassischer Folk. Oder ob Einfluss wichtiger ist als musikalische Komplexität. Das sind spannende Diskussionen über Musik und Songwriting. Das Problem ist nur: Diese Dinge schließen sich eigentlich nicht aus.

Große Songwriter waren fast immer dann am stärksten, wenn kulturelle Bedeutung und musikalische Qualität zusammenkamen und sich gegenseitig verstärkten. Bob Dylan veränderte nicht nur Texte im Pop, sondern auch die Art, wie Songs aufgebaut sein konnten. Marvin Gaye verband politische Themen mit musikalisch extrem raffinierten Arrangements. Nirvana funktionierte kulturell deshalb so stark, weil Songs wie „Smells Like Teen Spirit“ musikalisch sofort zündeten.

Problematisch wurde es erst, als manche Diskussionen plötzlich so wirkten, als wäre musikalisches Handwerk eher Nebensache. Besonders deshalb, weil manche Namen auf der Liste fast ausschließlich über kulturelle Relevanz verteidigt wurden, während gleichzeitig jemand wie Billy Joel komplett fehlte. Für viele wirkte das irgendwann weniger wie eine Liste der besten Songwriter und mehr wie ein gesellschaftliches Stimmungsbild mit Playlist.

Die New York Times erklärte plötzlich Billy Joel zum Durchschnitt

Spätestens beim Thema Billy Joel wurde die Diskussion richtig skurril. Denn die Argumentation lief im Kern darauf hinaus, dass Joel zwar erfolgreich sei, musikalisch aber nicht besonders visionär. Er schreibe letztlich nur eine begrenzte Art von Songs. Das klang allerdings weniger nach ernsthafter Musikanalyse und eher nach dieser speziellen Sorte Kulturjournalismus, die Popmusik grundsätzlich etwas suspekt findet, sobald Menschen sie tatsächlich gerne hören.

Das Problem daran: Billy Joel ist nun wirklich kein eindimensionaler Songwriter.

Zwischen „Piano Man“, „Vienna“, „Scenes from an Italian Restaurant“ oder „We Didn’t Start the Fire“ liegen musikalisch Welten. „Scenes from an Italian Restaurant“ wechselt mehrfach Dynamik, Tempo und Struktur und funktioniert trotzdem wie ein komplett natürlicher Popsong. Genau solche Dinge verschwinden oft in Diskussionen, die fast nur noch über kulturelle Relevanz geführt werden.

Vielleicht ist genau das sogar Billy Joels größtes Problem bei vielen Kritikern. Seine Songs wirken oft zu selbstverständlich. Zu sauber gebaut und zu direkt emotional. Dabei ist genau das wahrscheinlich deutlich schwerer zu schreiben als viele bewusst sperrige Kunstexperimente. Und um fair zu bleiben: In meiner eigenen Liste der besten Songwriter aller Zeiten hat Billy Joel ebenfalls gefehlt. Im Nachhinein war das schlicht ein Fehler. Genau solche Diskussionen zeigen nämlich erst, welche Künstler man fast schon zu selbstverständlich nimmt.

Das Problem moderner Musikkritik: Viel Haltung, wenig Musik

Interessant wurde die Debatte vor allem durch die Leute hinter der Liste. Mehrere Kritiker der Kulturredaktion der New York Times diskutierten gemeinsam über die Auswahl und prägten dabei vor allem einen Tonfall, der klassisches Songwriting oft eher kulturell einordnen als musikalisch analysieren wollte. Teilweise hatte man das Gefühl, bestimmte Formen von Rock- oder Singer-Songwriter-Musik müssten erstmal kulturell dekonstruiert werden, bevor man überhaupt über die Songs selbst reden darf. Der klassische Musiker mit Gitarre wurde fast schon wie ein überholtes Klischee behandelt.

Das wäre alles halb so schlimm, wenn anschließend wenigstens ausführlich über Musik gesprochen worden wäre. Wurde aber kaum. Stattdessen ging es oft um kulturelle Perspektiven, gesellschaftliche Einordnung und Symbolik. Alles legitime Themen. Nur irgendwann reicht eine Songwriter-Liste nicht mehr aus, dann muss man über die Songs selbst reden: über Melodien, Harmonien, Rhythmus und Struktur. Darüber, warum ein Song funktioniert und warum ein anderer eben nicht.

Das Problem moderner Musikkritik ist dabei oft, dass Musik inzwischen fast wie Film oder Literatur behandelt wird. Songs werden analysiert wie kulturelle Texte. Das kann spannend sein. Trotzdem geht dabei manchmal verloren, dass Musik nicht nur analysiert, sondern vor allem durch Groove, Dynamik, Hooks und Timing gespürt wird. Niemand hört „Superstition“ wegen eines kulturwissenschaftlichen Essays. Menschen hören solche Songs, weil Rhythmus, Melodie und Energie sofort funktionieren. Dadurch bekommen sie überhaupt erst kulturelle Relevanz.

Wann wurde musikalisches Handwerk eigentlich uncool?

Das Faszinierende an wirklich großen Songwritern ist ja gerade, dass ihre Entscheidungen oft unsichtbar wirken. Brian Wilson baut Popsongs, die auf den ersten Blick leicht wirken und beim genaueren Hören plötzlich voller unerwarteter Harmonien stecken. Tom Waits schreibt Songs, die eher wie kleine Filmszenen funktionieren als wie klassische Radiohits. Elliott Smith versteckt komplizierte Akkordwechsel und mehrstimmige Arrangements unter einer Oberfläche, die zunächst fast zerbrechlich wirkt. Das alles passiert nicht zufällig.

Darum wirkt es manchmal seltsam, wenn Songwriting heute fast nur noch als kultureller Ausdruck gelesen wird. Als wäre technisches Können plötzlich nebensächlich geworden. Dabei zeigt die Musikgeschichte eigentlich das Gegenteil. Die größten Songwriter aller Zeiten waren fast immer obsessive Handwerker.

Das bedeutet nicht, dass große Songwriter automatisch Virtuosen sein müssen. Bob Dylan ist wahrhaftig kein klassischer Sänger. Leonard Cohen war nie ein technischer Ausnahmegitarrist. Trotzdem verstanden beide genau, wie Songs funktionieren. Songwriting ist eben nicht dasselbe wie Virtuosität. Aber genauso wenig ist es nur Haltung oder kulturelle Bedeutung. Die stärksten Künstler verbinden beides. Deshalb bleiben ihre Songs länger relevant als viele reine Trendphänomene oder theoretisch interessante Kunstprojekte.

Warum Fans das Gefühl hatten, dass hier an ihnen vorbeigeredet wurde

Die Wut über die Liste hatte am Ende wahrscheinlich weniger mit einzelnen Platzierungen zu tun als mit dem Gefühl, dass hier teilweise über Musik gesprochen wurde, ohne wirklich über Musik zu reden. Niemand verteidigt Billy Joel nur wegen ein paar Akkordfolgen. Menschen verteidigen ihn, weil seine Songs funktionieren. Weil sie hängen bleiben. Weil sie emotional wirken, ohne simpel zu sein.

Viele Leser hatten irgendwann schlicht das Gefühl, dass hier an ihnen vorbeigeredet wurde. Dass Menschen über die besten Songwriter diskutierten, die zwar sehr viel über kulturelle Bedeutung sagen konnten, aber erstaunlich wenig darüber, warum Songs eigentlich emotional funktionieren. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum die Diskussion so schnell eskalierte. Es ging irgendwann nicht mehr nur um Billy Joel oder einzelne Platzierungen. Sondern um die größere Frage, ob Musikjournalismus heute manchmal zu weit von der eigentlichen Musik entfernt ist.

Vielleicht sollte man bei Songwriter-Listen wieder über Musik sprechen

Am Ende ist die New-York-Times-Liste natürlich weder objektiv falsch noch objektiv richtig. Das wäre bei Musik ohnehin unmöglich. Interessant wurde erst die Diskussion danach. Denn plötzlich stand eine größere Frage im Raum: Wie sprechen wir heute eigentlich über Musik und Songwriting? Geht es noch um Songs selbst? Oder fast nur noch darum, was sie kulturell repräsentieren?

Wahrscheinlich braucht großes Songwriting beides. Ausdruck und Handwerk. Persönlichkeit und Struktur. Gefühl und Kontrolle. Die größten Songwriter entstehen meistens genau dort, wo musikalische Qualität und kultureller Einfluss zusammenkommen und sich gegenseitig verstärken. Aber wenn man bei einer Liste der größten Songwriter irgendwann mehr über kulturelle Theorie spricht als über Melodien, läuft wahrscheinlich irgendwo etwas schief.

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