In vielen unserer Gitarren-Workshops ging es bislang vor allem um das „Was“: Welche Tonleitern, Arpeggios oder Licks funktionieren über welche Akkorde? In dieser Folge widmen wir uns ganz gezielt dem „Wie“ und zeigen, wie ihr eure Phrasierung auf der Gitarre verbessern könnt. Im Mittelpunkt stehen dabei wichtige Ausdrucksmittel wie Vibrato, Bendings und Slides, die euren Noten mehr Leben, Charakter und musikalischen Spielwitz verleihen können. Denn erst durch eine bewusste Tonformung entsteht aus einer einfachen Melodie ein persönliches musikalisches Statement mit hohem Wiedererkennungswert.

- Mehr Ausdruck auf der Gitarre: Warum Tonformung wichtiger ist als Virtuosität
- Vibrato auf der Gitarre lernen: So formt ihr Tonhöhe, Ausdruck und eigenen Sound
- Bendings auf der Gitarre lernen: Intonation, Fingertechnik und Kontrolle verbessern
- Slides, Slurs oder Glissandi: Mehr vokaler Ausdruck für eure Gitarrenphrasen
- Fazit
Mehr Ausdruck auf der Gitarre: Warum Tonformung wichtiger ist als Virtuosität
Auf gutes Phrasing zu achten ist ein sehr dankbares Thema, denn es hilft, das klangliche Maximum aus einem möglicherweise nur begrenzten und einfachen Tonvorrat zu erzielen. Da es in der Regel längere Töne sind, die geformt werden, verlangt das Ganze auch nach keiner oder nur sehr begrenzter Virtuosität. Dabei kann die Art und Weise, wie man bestimmte Noten spielt oder verbindet, zu einem sehr individuellen Stilmittel werden, das den Sound und die ureigene „Stimme“ eines jeden Gitarristen definiert und ihm hilft, sich von Mitstreitern abzuheben. Außerdem besitzt gerade die Gitarre eine Unmenge an urtypischen Artikulationsmöglichkeiten, die sie von anderen Instrumenten unterscheidet. Deshalb wäre es eigentlich sträflich, diesen Fundus an Ausdrucksmöglichkeiten nicht genauer zu erforschen und zu nutzen. Und genau das wollen wir hier tun.
Vibrato auf der Gitarre lernen: So formt ihr Tonhöhe, Ausdruck und eigenen Sound
Beim Vibrato handelt es sich um eine Modulation der Tonhöhe, die sowohl bei gegriffenen Noten als auch bei Bendings durchgeführt werden kann. Grundsätzlich solltet ihr bedenken: In aller Regel findet die Modulation des Fingervibratos durch eine Veränderung der Tonhöhe nach oben statt, allerdings gibt es auch vereinzelte Formen, die eine Erniedrigung der Tonhöhe ermöglichen, wie wir später noch sehen werden. Die Bewegung erfolgt dabei meist aus dem Handgelenk der Greifhand bzw. dem Unterarm. Häufig bleibt die Hand fest um den Gitarrenhals gegriffen, während der Daumen über die Halsoberseite genommen werden kann.
Eine Ausnahme bildet beispielsweise B. B. King, dessen „Butterfly-Vibrato“, benannt nach dem visuellen Effekt, durch Schütteln einer Note mit dem 1. Finger beim Auffächern der anderen drei Finger erzeugt wird. Die Bewegung kommt hier aus dem Handgelenk, die Hand berührt jedoch nicht den Hals. Eric Clapton entscheidet sich ebenfalls für eine vertikale Bewegung (meist nach oben in Richtung tiefe E-Saite), aber er erhält einen freischwebenden Effekt, indem er seinen Ellbogen und nicht sein Handgelenk dreht.
Vibrato kontrollieren: Breite, Geschwindigkeit und Timing richtig einsetzen
Ganz grundsätzlich kann man als Gitarrist beim Vibrato auf verschiedene Parameter Einfluss nehmen, um seinen individuellen Effekt zu formen:
- die Amplitude (Höhe der Auslenkung)
- die Periodendauer (bzw. deren Kehrwert, die Frequenz; Vibrato-Geschwindigkeit)
- den Zeitpunkt des Vibratobeginns

Prinzipiell finden sich alle Abstufungen und Gestaltungsmöglichkeiten in der Praxis wieder. So hört man im Blues oder Country eher ein schnelles Vibrato mit geringer Auslenkung (Eric Clapton, B. B. King, Mark Knopfler, Steve Morse):

Im Metal/Rock hingegen wird das Vibrato häufig langsam, aber dafür sehr weit gestaltet:

Sehr geschmackvoll kann es klingen, wenn der Ton erst ohne Vibrato stehen bleibt und Zeit zum „Atmen und Einwirken“ erhält. Anschließend kann man, analog zu Sängern, langsam einschwingen und dann schneller und weiter werden.
Hinsichtlich der Vibrationsgeschwindigkeit ist es auch eine Überlegung wert, ob die Frequenz eine rhythmische Subdivision des Songtempos sein soll (z. B. Vibrato in Achteln, Achteltriolen, etc.) oder vollkommen frei erfolgt. Hier ist viel Ausprobieren angesagt.

Vibrato bewusst einsetzen: Warum weniger manchmal mehr ist
Eine weitere gute Übung für all diejenigen, die sich das Vibrato als eine Art gewohnheitsmäßigen Automatismus angeeignet haben, ist das ganz bewusste Weglassen jeglicher Tonformung. Grundsätzlich sollte das Vibrato nämlich als Verzierung verstanden werden und nicht als eine Zwangsläufigkeit, die man ständig und um jeden Preis benutzen muss.
Gerade bei Bendings findet man bei Gitarristen wie bei ungeübten Sängern gelegentlich sehr übertriebene Vibratos, mit denen man auch gewisse Intonationsmängel kaschieren kann. Gute Anspieltipps für einen sehr geschmackvollen Einsatz sind z. B. Dann Huff oder John Sykes, die sehr häufig einen Ton auch mal ohne Vibrato stehen lassen können.
Betrachten wir nun die einzelnen Formen des Vibratos, die auf der Gitarre möglich sind:
Klassisches Rockvibrato richtig spielen: Technik, Richtung und Kontrolle
Das klassische Rockvibrato ist eine Modulation der Tonhöhe, die durch minimale Bewegungen mit der gegriffenen Saite quer zum Griffbrett entsteht. Der Ton moduliert hier nur nach oben und geht dann zur Ausgangsposition zurück. Da diese Variante auf jeder Saite gespielt wird, sollte man sie sowohl in Richtung der hohen wie der tiefen E-Saite beherrschen, um zu vermeiden, dass man sie über die Halskante hinaus zieht oder drückt.
Ein besonderer Effekt ergibt sich, wenn man ein Rockvibrato quasi auf ein Bending aufsetzt. Im Gegensatz zum „normalen“ Vibrato entsteht hier die Modulation dadurch, dass man die hochgezogene Saite in schneller Folge lockert und wieder in die Spannung zurückführt. Das bedeutet, dass hier die Tonhöhe nach unten moduliert wird. Die Saite wird angeschlagen, zur gewünschten Note hochgezogen und dort nimmt das Vibrato erst seinen Anfang.

Als Vorübung wäre hier ein Art Bending-Übung sinnvoll, wie z.B.
Ganzton Bend-Up – Release:

Halbton Bend-Up – Release:

Bending-Vibrato:

Paralleles Vibrato auf der Gitarre: Klassische Technik für feine Tonhöhen-Modulation
Das parallele Vibrato, das von klassischen Gitarristen bevorzugt wird, entsteht durch das Bewegen des Greiffingers entlang der Saite zwischen zwei Bundstäbchen. Bewegt man ihn in Richtung Brücke und „schiebt” die Saite nach oben, nimmt die Spannung der Saite minimal ab, was zu einem leichten Abfall der Tonhöhe führt. Nähert man sich dagegen dem Sattel, wird die Saite zurückgezogen und die Tonhöhe steigt aufgrund der erhöhten Spannung.
Vom Tremolohebel und dem Vibrato auf einem Bending abgesehen ist dies die einzige Vibratoart, die eine Modulation sowohl nach oben als auch nach unten erlaubt. Allerdings kann sie aufgrund ihres charakteristischen Sounds bisweilen auch stilfremd wirken.

Steve-Vai-Circle-Vibrato: Kreisförmige Tonformung für mehr Ausdruck
Bei dieser Technik bewegt sich der Finger kreisförmig auf der Saite. Man beginnt, indem man die Saite nach vorne schiebt und dann etwas nach unten zieht, während man dabei die Spannung vom Schieben löst. Anschließend entspannt man die Saite, schiebt zurück und bendet anschließend in Richtung der tiefen E-Saite. Prinzipiell ist dies die Kombination der beiden erstgenannten Formen, denn auch hier wird die Note beim Vibrationsvorgang sowohl erhöht als auch erniedrigt.

Das Slide-Vibrato: Wilde Tonformung für Hardrock und Metal
Diese Vibratoform sieht man häufig bei Hardrock- und Heavy-Metal-Gitarristen wie George Lynch, Greg Howe oder Warren DeMartini. Hier entsteht das Vibrato dadurch, dass man vom Ausgangsbund sehr schnelle Slides entweder einen oder zwei Bünde nach oben oder nach unten durchführt. Dieses Vibrato klingt sehr wild und furios und bietet sich daher eher für Uptempo-Stücke an.

Vibrato mit dem Tremolohebel: Tonhöhe wie Jeff Beck und David Gilmour formen
Viele Gitarristen benutzen den Tremolohebel, um das Vibrato zu gestalten, zum Beispiel Jeff Beck oder David Gilmour. Auch hier lässt sich die Tonhöhe nach oben und unten modulieren. Eine tolle Übung für das Fingervibrato ist z. B. das Imitieren des Tremolovibratos ausschließlich mit den Fingern.

Bendings auf der Gitarre lernen: Intonation, Fingertechnik und Kontrolle verbessern
Zum Thema Bending und dem Üben der richtigen Intonation findet ihr hier noch einen gesonderten Artikel, aber der Vollständigkeit halber wollen wir diesen wichtigen Aspekt auch in diesem Workshop nicht völlig außen vor lassen.
Bendings gelingen prinzipiell mit jedem Finger, allerdings wird man in der Praxis den kleinen Finger seltener antreffen. Für ihn springt häufig der Ringfinger ein. Beim Bending gilt es vor allem, auf saubere Intonation zu achten, was allerdings ein gut trainiertes Gehör voraussetzt. Grundsätzlich sollte man die Bending-Richtung nach unten und nach oben beherrschen, da man durchaus auch auf der tiefen E-Saite oder der A-Saite Töne ziehen kann.
Spezielle Bending-Techniken auf der Gitarre: Gilmour- und Lukather-Tricks für mehr Ausdruck
Da sich der oben genannte Workshop auf die Standard-Bendings konzentriert, möchte ich hier auf einige spezielle Bending-Formen eingehen:
Ganzton plus Halbton
Hier wird zunächst ein Ganzton gezogen, der Ton bleibt stehen und die Saite wird anschließend um einen weiteren Halbton gedehnt. So wird insgesamt das Intervall einer kleinen Terz überstrichen. Sehr häufig ist dieser Trick z. B. bei David Gilmour zu hören.

Ganzton plus gegriffener Halbton
Im Prinzip wird hier der gleiche Effekt wie im vorhergehenden Fall erzielt, nur dass der letzte Halbton durch eine gegriffene Note erzeugt wird. Man zieht einen Ganzton nach oben und greift auf der gezogenen Saite den nächsthöheren Bund. Steve Lukather hat diesen Trick in unzähligen Soli zu seinem Trademark gemacht.

Bending-Technik erweitern: Wie Release-Bends und Slide-Bends mehr Spannung erzeugen
Release-Bend
Beim Releasebend wird der Ton stumm nach oben gezogen, im gespannten Zustand angeschlagen und dann “releast”.

Slide-Bend
Hier slidet man in einen Ton und geht aus der Slide-Bewegung heraus direkt in ein Bending über.

Unison-Bend und Smear-Bend lernen: Bluesige Bending-Techniken für mehr Ausdruck
Unison-Bend
Beim Unison-Bend greift man eine große Sekunde auf zwei benachbarten Saiten und zieht die tiefere Saite in den Ton der höheren (z. B. auf der b-Saite das g, auf der e-Saite das a; anschließend zieht man die b-Saite zum a hoch). Dieser Effekt ist oft bei Carlos Santana oder Jimi Hendrix zu hören gewesen. Meist werden Unison-Bends zwischen b- und e- bzw. zwischen der g- und b-Saite vollzogen.

Small (Smear-) Bend
Beim Smear Bend handelt es sich um ein „Mini-Bending“, das in keine konkrete Tonhöhe führt, sondern die Saite nur minimal verstimmt. Gerade über der kleinen Terz, oder der Blue Note kann diese Bending-Form sehr bluesig wirken.

Slides, Slurs oder Glissandi: Mehr vokaler Ausdruck für eure Gitarrenphrasen
Slides (auch Slurs oder Glissandi) sind auf der Gitarre ein wichtiges klangliches Stilmittel, da sie den Tönen mehr Leben und den Phrasen eine stärkere vokale Qualität verleihen. Aber mit ihnen kann man auch zwei oder mehr Noten reibungslos und schnell verbinden und die Position bzw. Lage auf dem Griffbrett nahtlos ändern. Üblicherweise werden sie vom unteren diatonischen Ton gespielt, allerdings können Slides für einen bluesigeren/jazzigeren Sound auch chromatisch von unten eingesetzt werden.

Gitarren-Slides verbessern: von flüssigen Positionswechseln bis zu Steve-Vai-Effekten
Möchte man einen Lagenwechsel einleiten, empfiehlt es sich, den Slide mit dem Finger zu spielen, mit dem in der Ziellage die Note auch gegriffen wird. Als Übung empfiehlt es sich, die Positionen der Pentatonik beispielsweise komplett über das Griffbrett mit Slides zu verbinden:

Slides von oben, sprich von einer höheren in eine tiefere Note, sind eher selten, klingen jedoch sehr wirkungsvoll und überraschend, wie man es z. B. bei Steve Vai oft hören kann.

Fazit
Damit sind wir am Ende unseres Workshops angelangt. Übt die oben thematisierten Artikulationsmittel zunächst separat und versucht anschließend, sie zu Backingtracks oder einfach zu liegenden Akkordpads ganz rubato und ohne festes Timing einzusetzen. Habt ihr diese Techniken unter Kontrolle, werden diese Sounds früher oder später ganz automatisch Teil eures Spiels. Ich wünsche euch viel Spaß und gutes Gelingen mit euren neuen Phrasierungsmöglichkeiten!























