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Vom Punk zum Populismus: Rockstars auf Rechtskurs

Früher gegen das Establishment, heute an der Seite konservativer Politiker und rechter Bewegungen. Einige der größten Rebellen der Rockgeschichte haben politisch eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Statt mit provokanten Songs sorgen sie inzwischen mit ihren Ansichten für Schlagzeilen und bringen damit auch ihre Fans ins Grübeln. Diese Rockstars sind im Laufe ihrer Karriere nach rechts gerückt und haben dabei nicht nur musikalisch für ordentlich Wirbel gesorgt.

Koen Suyk; Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989 – negatiefstroken zwart/wit, nummer toegang 2.24.01.05, bestanddeelnummer 928-9663, CC0, via Wikimedia Commons

Morrissey: Vom Indie Idol zum rechten Provokateur

Mit melancholischen Texten, bissigem Humor und Songs wie „There Is a Light That Never Goes Out“ oder „How Soon Is Now?“ wurde Morrissey in den Achtzigerjahren zur Stimme einer ganzen Generation von Außenseitern. Als Frontmann der Smiths sang er über Einsamkeit, unerfüllte Liebe und das Gefühl, in der konservativen Gesellschaft Großbritanniens nicht so recht dazuzugehören. Auch politisch hielt er sich nicht zurück. Seiner Abneigung gegenüber Margaret Thatcher verlieh er 1988 mit dem Solosong „Margaret on the Guillotine“ Ausdruck.

Doch Morrisseys Verhältnis zu Nationalismus und rechter Politik sorgte schon früh für Diskussionen. Anfang der Neunzigerjahre trat er mit der britischen Nationalflagge auf und veröffentlichte den Song „The National Front Disco“, der die Hinwendung eines jungen Mannes zur rechtsextremen National Front thematisiert. Kritiker warfen ihm damals vor, mit nationalistischer Symbolik und zweideutigen Texten zu spielen.

In den folgenden Jahrzehnten wurden seine politischen Aussagen deutlicher. Morrissey äußerte sich wiederholt kritisch über Einwanderung und sorgte 2018 mit seinen Aussagen über den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan für Kontroversen. Ein Jahr später trat er in der amerikanischen Fernsehsendung von Jimmy Fallon mit einem Anstecker der britischen Partei For Britain auf. Die Partei wurde von britischen Medien als rechtsextrem eingeordnet und vertrat insbesondere eine gegen den Islam gerichtete Politik. Morrissey bekannte sich öffentlich zu seiner Unterstützung für For Britain.

Für viele langjährige Fans war das schwer mit dem Künstler zu vereinbaren, dessen Musik ihnen einst das Gefühl gegeben hatte, mit ihrem Anderssein nicht allein zu sein. Morrissey selbst wies Rassismusvorwürfe zurück und verteidigte seine politischen Positionen. Seine Geschichte zeigt, dass die Entwicklung vom rebellischen Indie Idol zum Unterstützer einer rechten Partei nicht über Nacht geschah. Schon in den Neunzigerjahren gab es Diskussionen über seine Texte und sein öffentliches Auftreten. Für manche Fans klingt die Musik der Smiths seitdem wohl ein wenig anders.

Man Alive!, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commons

Kid Rock: Harte Gitarren, wilde Partys und Donald Trump

Harte Gitarren, Hip Hop, jede Menge Attitüde und ein Rockstar Image, das nach Ärger riecht. Mit seinem Album „Devil Without a Cause“ gelang Kid Rock 1998 der internationale Durchbruch. Songs wie „Bawitdaba“ und „Cowboy“ machten Robert James Ritchie, wie er bürgerlich heißt, zum Star. Sein Erfolgsrezept: laute Musik, wilde Partys und möglichst wenig Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen.

Auch auf der Bühne provozierte Kid Rock gerne. Beim Super Bowl 2004 trug er eine amerikanische Flagge als Poncho, drei Jahre später geriet er bei den MTV Video Music Awards mit Mötley Crüe Schlagzeuger Tommy Lee aneinander. Auch die Konföderiertenflagge, die er jahrelang bei Konzerten zeigte, sorgte für Kritik. Kid Rock verteidigte sie als Hommage an Lynyrd Skynyrd und wies Rassismusvorwürfe zurück.

Politisch unterstützte er 2012 zunächst den Republikaner Mitt Romney. Mit Donald Trumps Aufstieg wurde seine Haltung noch deutlicher. Bereits 2016 verkaufte er Merchandise zur Unterstützung Trumps. Ein Jahr später kündigte er sogar eine Kandidatur für den US Senat an, die sich allerdings als PR Aktion für sein Album „Sweet Southern Sugar“ entpuppte. Vom Rockstar zum Senator wurde also erst einmal nichts.

Inzwischen gehört Kid Rock zu den prominenten Unterstützern der MAGA Bewegung. Auf seinem Album „Bad Reputation“ kritisierte er 2022 die Regierung von Joe Biden. Bei der Konzertreihe „Rock the Country“ 2024 war Donald Trump sogar mit einer Videobotschaft auf der Bühne zu sehen. Sein Image als unangepasster Rockstar ist geblieben. Nur richtet sich seine Provokation heute verstärkt gegen politische Gegner der amerikanischen Rechten.

U.S. Air Force photo by: TSgt Sean Mateo White, Public domain, via Wikimedia Commons

Nena: Wenn „99 Luftballons“ auf Querdenker treffen

Mit „99 Luftballons“ und „Nur geträumt“ wurde Nena in den Achtzigerjahren zu einer der bekanntesten Stimmen der Neuen Deutschen Welle. Ihre Musik stand für Aufbruch, Jugend und ein Lebensgefühl jenseits gesellschaftlicher Konventionen. Besonders „99 Luftballons“ wurde mit seiner Kritik an militärischer Eskalation und der Angst vor einem Atomkrieg zu einer Hymne der Friedensbewegung.

Während der Coronapandemie sorgte die Sängerin allerdings zunehmend mit politischen Aussagen für Schlagzeilen. Im März 2021 bedankte sie sich auf Instagram bei den Teilnehmern einer Demonstration gegen die Coronamaßnahmen in Kassel, an der auch Anhänger der Querdenker Bewegung teilgenommen hatten. Ihr Management erklärte daraufhin, dass Nena keiner politischen Gruppe angehöre und sich nicht mit rechten Demonstranten gemeinmachen wolle.

Wenige Monate später kam es bei einem Konzert in Berlin zum nächsten Eklat. Als sich Teile des Publikums nicht an die vorgeschriebenen Abstandsregeln hielten, stellte Nena ihren Fans frei, ob sie diese einhalten wollten. Die Veranstalter brachen das Konzert vor der Zugabe ab. Weitere Auftritte wurden abgesagt, bevor Nena schließlich auch ihre Tournee für 2022 wegen der damaligen Coronabeschränkungen absagte.

Für weitere Diskussionen sorgte ihr Besuch einer Veranstaltung im August 2021, bei der auch Personen aus der Querdenker Szene und dem Reichsbürgermilieu anwesend waren. Darunter befand sich der durch seine Aktivitäten gegen die Coronamaßnahmen bekannt gewordene Arzt Bodo Schiffmann. Anders als John Lydon oder Kid Rock hat sich Nena allerdings nicht öffentlich als Unterstützerin einer rechten Partei oder eines rechten Politikers positioniert. Ein eindeutiger politischer Rechtsruck lässt sich aus ihren Äußerungen und Auftritten deshalb nicht ableiten. Fü r Kontroversen hat die einstige Popikone der Friedensbewegung trotzdem reichlich gesorgt.

Michael Movchin, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

John Lydon: Vom Punkrebellen zum Trump Fan

Punk gab es vor und nach den Sex Pistols, doch kaum jemand hat das Genre so geprägt wie John Lydon. Als Johnny Rotten wurde er in den Siebzigerjahren zur Symbolfigur einer Jugend, die vom britischen Establishment die Nase voll hatte. Mit ihrer ersten Single „Anarchy in the U.K.“ lieferten die Sex Pistols 1976 den Soundtrack für eine Generation, die unter Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Unsicherheit und fehlenden Perspektiven litt. Der Song dauerte gerade einmal dreieinhalb Minuten, seine Wirkung reichte weit darüber hinaus.

Lydon, ein junger Mann aus der Arbeiterklasse mit gefärbten Haaren, kaputten Klamotten und einer großen Klappe, verkörperte den Punk wie kaum ein anderer. Die Sex Pistols provozierten mit chaotischen Auftritten, öffentlichen Beschimpfungen und einer demonstrativen Verachtung für Autoritäten. Mit „God Save the Queen“ legten sie 1977 noch einmal nach und machten auch vor der britischen Monarchie nicht halt.

Jahrzehnte später sorgte Lydon erneut für Aufregung. Diesmal allerdings nicht mit rebellischen Songs, sondern mit seiner politischen Haltung. Im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2020 bekannte sich der ehemalige Sex Pistols Sänger öffentlich zu Donald Trump. Auch den Brexit unterstützte er und begründete seine Haltung unter anderem mit den Interessen der britischen Arbeiterklasse. Für viele Punkfans war das eine überraschende Entwicklung. Schließlich hatte Lydon einst gegen das Establishment gewettert und mit den Sex Pistols eine ganze Generation zum Widerspruch ermutigt. Nun unterstützte er ausgerechnet einen Politiker, der selbst an der Spitze der amerikanischen Regierung gestanden hatte.

Lydon selbst sieht darin keinen Widerspruch. Er versteht sich nach wie vor als jemand, der gegen den Strom schwimmt und sich nicht vorschreiben lässt, welche Meinung er zu haben hat. Seinem Selbstverständnis als Rebell ist er damit treu geblieben. Nur die politische Richtung seiner Rebellion hat sich im Laufe der Jahrzehnte deutlich verändert. Aus der Sicherheitsnadel ist gewissermaßen eine MAGA Kappe geworden.

Ed Vill from Caracas, Venezuela, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commons

Vom Punk zum Populismus

Wie kommt es, dass Musiker, die einst als unangepasste Rebellen berühmt wurden, später konservative oder rechte Positionen unterstützen? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Jeder dieser Künstler hat seine eigene politische Geschichte und eine andere Vorstellung davon, was es bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen. Während frühere Rockgenerationen häufig gegen konservative Moralvorstellungen und traditionelle Autoritäten aufbegehrten, richten manche Musiker ihren Protest heute gegen progressive Bewegungen und gesellschaftliche Veränderungen. Das rebellische Selbstverständnis bleibt, nur die politischen Gegner haben gewechselt.

Für die Fans ist das nicht immer einfach. Wer mit den Sex Pistols aufgewachsen ist oder die Smiths seit Jahrzehnten hört, muss die politischen Ansichten seiner Idole schließlich nicht teilen. Ob man die Künstler trotzdem weiterhin unterstützen möchte, muss jeder selbst entscheiden. Am Ende bleibt die Frage, was Rebellion in der Rockmusik heute eigentlich bedeutet. Wer früher gegen das Establishment wetterte, kann Jahrzehnte später selbst an der Seite der Mächtigen stehen. Die Gitarren mögen noch genauso laut sein wie früher, doch die politische Begleitmusik klingt inzwischen ziemlich anders.

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