Interview mit dem Trommelbauer Johannes Simmat

Hersteller von Snaredrums lassen sich grob in drei Kategorien einteilen. Die erste umfasst etablierte, weltweit operierende Marken, die ihre selbst entwickelten Instrumente im industriellen Maßstab fertigen. Die zweite beinhaltet kleine Hersteller im sogenannten Custom-Bereich. Hier gibt es maximal Kleinserien, die Umsetzung von individuellen Kundenwünschen ist Teil des Geschäftsmodells. Kessel und Hardware-Komponenten werden meistens hinzu gekauft und anschließend individuell kombiniert. Und dann gibt es Menschen wie Johannes Simmat, der in seiner kleinen Werkstatt in Bremen Snaredrums nahezu komplett selbst fertigt.  

Interview Johannes Simmat
Credit: laut & deutlich Medien, Friedemann Wagner

Das verlangt nicht nur enorme handwerkliche Fähigkeiten, Erfahrung und spezielle Maschinen, sondern auch viel Zeit, Hingabe und Geduld. Wie Simmat Drums entstanden ist, ob man selbst gut spielen können muss, um Weltklasse-Instrumente herzustellen und warum einige seiner Arbeiten auf dem Wertstoffhof landen, hat uns der sympathische Norddeutsche im Interview verraten. 

Johannes, du baust Metallkessel-Snaredrums für klassische Schlagzeuger. Wie ist dein Werdegang?

Im Grundschulalter habe ich mit dem Schlagzeugspielen angefangen, als Jugendlicher dann in Rock- und Schulbands gespielt.  Mein erster Lehrer hatte irgendwann zu mir gemeint, dass er glaubt, dass ich einen neuen Lehrer brauche, einfach für neuen Input. Und er hat mir dann einen Kollegen empfohlen, der beides konnte: klassisch und Drumset. Ich bin dann da hingegangen mit der Intention, dass ich weiter in meiner Rockwelt bleibe, habe aber dann einfach erkannt, was es da noch für eine andere Welt gibt. Und irgendwie hat die mich mehr fasziniert. Dieser Lehrer hat mich schließlich vorbereitet auf mein klassisches Schlagzeugstudium in Hamburg. Und nach dem Studium habe ich erstmal eine Weile lang freiberuflich als Musiker gearbeitet.

Wie kam der Trommelbau hinzu?

Ich habe mich eigentlich schon mein ganzes Leben lang mit Basteln und Metall beschäftigt. Mein Vater ist nämlich Maschinenbauingenieur und gelernter Werkzeugmacher. Da gab es eine Werkstatt, und da habe ich rumexperimentiert. Das Interesse war also schon immer da. Dann bin ich mit der Idee, dass ich irgendwie handwerklich arbeiten möchte, nach Bremen gekommen. Dort gibt es eine Firma, relinkbremen, die haben einen sehr großen Verleih für klassisches Schlagzeug, vermieten aber auch Kontrabässe. Außerdem restaurieren und reparieren sie Instrumente. Und das war das, was mich interessiert hat. Ich bin dann da hingegangen, habe mich vorgestellt und anschließend zweieinhalb Jahre lang dort gearbeitet. Dabei habe ich gelernt, was mir an handwerklichen Skills fehlte. Die haben auch einen Schmied und Gürtler, bei dem ich viele Basics gelernt habe.

Allerdings wurde mir irgendwann klar, dass ich ein eigenes Projekt brauchte, wo ich meine ganze Energie reinstecken kann. Und dann habe ich mich vor zweieinhalb Jahren, also 2023, selbstständig gemacht. Da war ich 30 Jahre alt. 

Also habe ich diese Werkstatt hier angemietet und angefangen, meine ersten Prototypen zu bauen. Und bin dann irgendwie voll ins Risiko gegangen und habe Material und Maschinen und Werkzeug gekauft. Ich hatte den Traum, alles komplett unabhängig von anderen hier in-house produzieren zu können. Ich brauche die Kontrolle über alle Teile der Trommel. Mit Ausnahme der Stimmschrauben, der Felle und der Saiten fertige ich alle Sachen selbst. 

Fotostrecke: 2 Bilder Aus eigener Herstellung: Böckchen und Abhebungen. Foto: Johannes Simmat

Siehst du dich mehr als Musiker oder Handwerker?

Ich möchte gerne beides sein. Mir bringt es total viel, hier alleine in der Werkstatt tagelang, wochenlang rumzutüfteln, Ideen, die ich im Kopf habe, umzusetzen. Und da kann ich mich total reinstürzen und bin dann wochenlang in so einem Tunnel. Aber merke auch, wenn ich dann mal wieder Projekte spiele, dass mich das Spielen mit Kollegen auch total bereichert. Es ist eigentlich eine Wechselwirkung. Zwei Drittel Werkstatt, ein Drittel Musizieren, das wäre meine Wunschvorstellung.

Wie wirkt sich deine Musikerperspektive auf dein Handwerk aus?

Im Musikstudium habe ich gelernt, dass man immer wieder nochmal neu anfängt, immer wiederholt, immer ins Detail geht, immer wieder rausgeht. Als Musiker bist du manchmal tagelang im Proberaum und arbeitest detailliert an einem Stück. Das muss dann aber auch auf die Bühne, und da musst du wieder das große Ganze sehen. Diese verschiedenen Blickwinkel helfen mir auch extrem stark beim Trommelbau. Außerdem muss man sich bei beiden Tätigkeiten immer weiter entwickeln, sonst bleibt man stehen.

Fotostrecke: 2 Bilder Blick auf eine Garnitur frisch gefertigter Tube Lugs.

Die Designs deiner Trommeln sind ja traditionell inspiriert. Was sind deine Vorbilder?

Da ich aus dem klassischen Bereich komme, sind das auf jeden Fall die Dresdner Trommeln. Das ist einfach so der Klangstandard, den es in jedem Kulturorchester gibt. Auch die Ludwig-Trommeln aus den 20er, 30er Jahren, diese zweiteiligen Heavy Brass Shells halte ich für Instrumentenbaukunst. Und das gab es ja irgendwie nur in dieser Ära. Es gibt jetzt ein paar Hersteller, die das auch wieder machen, zum Beispiel Adrian Kirchler. Der ist auch ein Vorbild. 

Wie ist deine Philosophie, wie sind deine Snares gebaut?

Ich habe ja keine formell fachliche Ausbildung in meinem Handwerksbereich gehabt, die gibt es nicht. Also kann ich von vielen Seiten an das Thema rangehen. Meine Philosophie ist vielleicht, dass ich mich selbst handwerklich ständig entwickle, mich von anderen inspirieren lasse und mein Gehör schule, indem ich auf die Musiker höre, die meine Sachen spielen. 

Ich baue hauptsächlich dünne Blechkessel, also 0,7 bis 0,8 mm, aus Messing oder Kupfer. Messing ist eine Legierung aus Kupfer und Zink, wobei der Zink dem Material eine zusätzliche Zähigkeit verleiht. Daraus ergibt sich ein etwas brillanterer Ton und eine schnellere Ansprache. Kupfer ist weicher, dunkler und klingt komplexer. Meine Kessel arbeiten beim Anschlag ziemlich stark mit, ähnlich wie bei Streichinstrumenten. Geigen zum Beispiel sind ja unheimlich leichte, filigrane Instrumente, und da ist halt nicht nur Saitenspannen und Stimmen im Spiel, sondern diese ganze Saitenspannung wirkt sich auf den Korpus des Instruments aus und bringt ihn als Ganzes zum Schwingen. Das soll bei meinen Trommeln auch so sein. Das Ganze muss einfach passen, einen tollen Klang erzeugen. Es ist nie nur der Kessel, das Material oder die Hardware, es ist eben alles zusammen. 

Am Ende möchte ich kein extravagantes Produkt bauen, sondern ich möchte ein simples, sehr gutes Instrument haben, das in 50 oder 100 Jahren Jahren immer noch funktioniert. So wie die alten Drums vom Anfang des letzten Jahrhunderts eben.

Jefferson von Sugar Percussion, ein amerikanischer Trommelbauer, lockert seinen Instagram Feed immer mal wieder damit auf, dass er misslungene Kessel mit dem Auto überfährt… 

Ich habe auch schon einige Kessel zum Wertstoffhof gebracht. Manchmal sind es die formellen Sachen, weil man einen Fehler gebaut hat, den man benennen kann. Dann hat man irgendwas falsch gemacht und es passt einfach nichts mehr zusammen. Es ist ja die Kunst, das Blech rund, plan und  symmetrisch zu bekommen. Manchmal ist man unachtsam, früher lag es bei mir auch an Unerfahrenheit. Man muss die Kessel beim Aufbauen immer wieder richten. Schweißen und Löten erzeugt Hitze und wenn du Hitze in ein Material gibst, dann arbeitet das. Und das heißt, du musst im Prozess des Bauens immer wieder korrigieren. Da können massig Fehler passieren. Wie bei diesem Haufen dort… (zeigt auf einen Haufen unbehandelter, teils zerschnittener Prototypen-Kessel in der Mitte der Werkstatt)

Fotostrecke: 2 Bilder Auch Spannklauen und Flügelschrauben werden in der Simmat-Werkstatt gebaut. Foto: Johannes Simmat

Was sind das für Kessel?

Das ist eine neue Bauweise, die ich entwickle. Aus Kostengründen nehme ich dafür Stahlblech, denn Messing und Kupfer sind einfach zu teuer für diese Versuche, die kosten viermal so viel. Später kann ich die Erkenntnisse und Konzepte dann auf Messing und Kupferkessel adaptieren. 

Jemand möchte eine Simmat Drums Snare kaufen. Wie läuft das ab?

Man kann sehr gerne bei mir vorbeikommen in der Werkstatt, ich habe eigentlich immer Instrumente da, die man antesten kann: Aus Kupfer, aus Messing, in verschiedenen Kesselgrößen.

Es ist auch möglich, Testinstrumente zu verschicken, und dann können die Leute sich das zu Hause im Probensaal, im Studio, im Orchestersaal anhören.

Und dann gibt es Leute, die sagen: “Ich mag die Spannreifen nicht so gerne, machst du mir andere?” Oder: “Kannst du den Kessel so und so machen?” Eine Grundvorstellung ist meistens schon vorhanden, oft sind es dann die Details, an denen ich mit den Kunden feile.

Fotostrecke: 2 Bilder Vorne im Bild ist einer der ersten Prototypen zu sehen, eine 14“ x 5,5“ Messing-Snare… (Foto: Max Gebhardt)

Es war mal ein Trommler hier, der wollte eigentlich eine 14“ x 4“ Snaredrum haben, war aber nicht ganz zufrieden. Dann fiel mir eine ältere Snare ein, die ich noch irgendwo im Regal hatte, die war  3,75“ tief. Er schlug drauf und war hin und weg. Also habe ich ihm eine 14“ x 3,75“ gebaut. 

Gleichzeitig berate ich natürlich: Welches Material eignet sich für welchen Einsatz, wie wirken sich Sicken im Kessel aus, sollten eher sechs, acht oder zehn Spannschrauben zum Einsatz kommen und weitere Parameter. Weil ich vom Kessel bis zu den Spannböckchen und den Abhebungen alles selber herstelle, sind viele Dinge möglich. 

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Du machst ja aktuell nur klassische Instrumente. Planst du für die Zukunft, auch Drumset-Snares mit regulärer Abhebung anzubieten?

Ich möchte dazu noch nicht zu viel verraten aber es könnte sehr gut sein, dass von Simmat Drums auf einer der nächsten Schlagzeugmessen etwas in der Richtung zu sehen sein wird. 

Fotostrecke: 2 Bilder Ohne Drehmaschine keine Snaredrums, links hält Johannes einen Kupfer-, rechts einen polierten Messingkessel. (Foto: Max Gebhardt)

Johannes, das war ein sehr spannendes Gespräch, vielen Dank dafür!

Website: simmat-drums.de | Instagram: instagram.com/simmat.drums

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